Steine der Erinnerung

Nachricht 28. April 2016

Salzhemmendorf/Hemmendorf. Das Wetter ist nicht offiziell eingeladen zur Verlegung der Stolpersteine in Salzhemmendorf und Hemmendorf, aber es passt mit seiner sanften Frühlingsluft zur Stimmung, die am Dienstag durch die Straßen der Gemeinde weht. 18 Stolpersteine sollen heute verlegt werden. Sie zeigen Orte, an denen jüdische Familien gewohnt, gearbeitet und gelacht haben. Sie sind ein Mahnmal gegen das Vergessen, eine Erinnerung an die Gräueltaten, die im Nationalsozialismus alltäglich waren.

In der Kampstraße in Salzhemmendorf versammeln sich etwa 100 Menschen um vier auf dem Boden liegende Steine. Die Steine sind 96 mm breit und 96 mm lang. Die Oberfläche ist golden. Auf einer steht geschrieben: „Hier wohnte Erich Davidsohn, geb. 1922, Schutzhaft 1938, Buchenwald, Flucht 1939, England“. Es sind simple Fakten, vom Künstler Gunter Demnig ins Metall eingraviert, in denen die ganze Last eines unfassbaren Verbrechens liegt.

Heute erinnern daran nicht nur die Steine vor der Hausnummer 9, Wohnhaus der Davidsohns und ehemalige Synagoge von Salzhemmendorf, sondern auch die Nachfahren, die aus England und München angereist sind. Melvin Davidson, der Sohn von Erich Davidsohn, ist bei seiner Dankesrede gefasst und angespannt. Er bedankt sich für das freiwillige Engagement der vielen Helfenden und Spendenden. Er und seine beiden Schwestern hätten sich gefühlt, als würden sie in die Vergangenheit zurückversetzt werden, als sie das Haus betreten hätten.

Begleitet wird die Verlegung von 30 KonfirmandInnnen, die über die Schicksale der jüdischen Familien informieren. Die Idee zur Verlegung der Stolpersteine hatte Diakonin Andrea Gärtner. Seit zehn Jahren fährt sie mit KonfirmandInnen regelmäßig zur Gedenkstätte Bergen-Belsen. „Die Verlegung der Steine war der nächst logische Schritt“, erklärt sie, „es gab einen unglaublichen Rückhalt in der Bevölkerung und viele Spendengelder“. Denn Erinnerung ist teuer. Die Verlegung eines Steins kostet 120 Euro. Doch das Geld war schnell eingesammelt.

In ihrer Ansprache erinnert Gärtner daran, wie wichtig es ist, über die Verbrechen der Nationalsozialisten Bescheid zu wissen: „Nur wer etwas weiß über die Willkür und Grausamkeit kann mitfühlen.“ Und sie geht noch einen Schritt weiter, denn es sei auch wichtig, dieses Wissen weiterzugeben, um aktiv an der Verhinderung ähnlicher Verbrechen mitzuarbeiten. „Es ist an uns, die Mitmenschlichkeit zu erhalten“, so Gärtner.

Dann geht es von der Kampstraße zur Hauptstraße 2. Das Rathaus. Früher ein großes jüdisches Warenhaus. Hier werden Steine für Moritz und Gertrud Heilbronn verlegt. Zwölf weitere werden in Hemmendorf verlegt, alle in der Alten Heerstraße. Dass die Steine heute verlegt werden können, ist neben der Initiative von Gunter Demnig auch den umfangreichen Recherchen des Hamelner Historikers Bernhard Gelderblom zu verdanken. Ein ganzes Buch hat er geschrieben über „Die Juden in den Dörfern des Fleckens Salzhemmendorf“. Ihn bestürze, wie ein über Jahrhunderte friedliches Zusammenleben der Religionen „auf schändliche Weise“ zerstört wurde. Die Erinnerung daran müsse am Leben erhalten werden, „denn das kann wieder passieren“.

Kultur und Kommunikation/Christoph Möller