"Flüchtlinge keine Antisemiten"

Nachricht 22. April 2016

Bremen (epd). Wer den Antisemitismus bekämpfen will, muss nach Auffassung der Historikerin Juliane Wetzel bei Jugendlichen anfangen und sie auch nach eigenen Diskriminierungserfahrungen befragen. "So können wir beispielsweise muslimische Jugendliche für das Thema Antisemitismus öffnen", sagte die Wissenschaftlerin vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Wetzel warnte gleichzeitig davor, in muslimischen Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, Antisemiten zu sehen.

"Natürlich sind sie in ihrem Heimatland mit einer Ideologie aufgewachsen, die hetzerisch-antiisraelisch ist. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie das hier umsetzen", sagte Wetzel. Die Antisemitismus-Forscherin gehört zu den Experten, die am Sonnabend zu einer internationalen Fachkonferenz mit dem Thema "Extremismusformen im Vergleich" nach Bremen kommen. Auf Initiative der Konrad-Adenauer-Stiftung sollen während des Forums Rechts- und Linksextremismus sowie Islamismus miteinander verglichen werden.

Zuschreibungen wie der Antisemitismus unter muslimischen Flüchtlingen seien willkommen in der Mehrheitsgesellschaft, in der die Islamfeindlichkeit steige oder zumindest auf hohem Niveau existent sei. "Klar ist aber, dass 90 Prozent aller antisemitischen Straf- und Gewalttaten immer noch einen rechtsextremen Hintergrund haben." Das werde gerne vergessen. "Wir dürfen diese Zuschreibungen mit Blick auf muslimische Zuwanderer nicht ständig wiederholen. Das fördert den antimuslimischen Rassismus in der Gesellschaft", warnte Wetzel.

Der Antisemitismus zähle nicht per se zu den verbindenden Elementen zwischen Rechts- und Linksextremismus sowie Islamismus, ergänzte sie. Zwar kämen Stereotype wie die Gleichsetzung des Holocaust mit dem Vorgehen des israelischen Militärs in den besetzten Gebieten überall vor. "Aber im Rechtsextremismus und im radikalen Islamismus ist der Antisemitismus Teil der Ideologie. Das ist im Linksextremismus so nicht der Fall."

Antisemitische Aussagen, die beispielsweise den Holocaust trivialisierten, seien überdies nicht auf die drei Extremismen beschränkt, sondern durchaus in der Mehrheitsgesellschaft zu hören. Umfragen zufolge liege in Deutschland der Anteil der Bevölkerung mit einer latent judenfeindlichen Haltung konstant zwischen 15 und 20 Prozent. Hingegen gebe es keine gesicherten Erkenntnisse zu der Frage, inwieweit Antisemitismus unter Menschen mit Migrationshintergrund und unter Geflüchteten verbreitet sei: "Dazu fehlt noch immer eine Studie."

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Veranstaltungshinweis

Internationale Fachkonferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema "Extremismusformen im Vergleich" am Sonnabend, 23. April, ab 10 Uhr im Atlantic Grand Hotel Bremen.

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