"Gegen Ursachen der Flucht wird nicht wirksam gearbeitet"

Nachricht 15. April 2016
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Martin Junge, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes; Bild: Jens Schulze/epd-bild

Hannover (epd). In Europa fehlt nach Ansicht des Generalsekretärs des Lutherischen Weltbundes (LWB), Martin Junge, der politische Wille, die Flüchtlingskrise gemeinsam zu bekämpfen. "Weder gegen die Ursachen der Flucht, noch gegen ihre Erscheinungsformen wird wirksam gearbeitet", sagte Junge im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Freitag in Hannover. Die Anstrengungen zur Aufnahme von Flüchtlingen in einzelnen Staaten wie Deutschland seien lobenswert und richtig, sie reichten aber nicht aus.

Wenn stattdessen sogar Mauern oder Zäune gebaut würden, werde damit das Problem nicht gelöst, mahnte Junge. "Die Schutzsuchenden verschwinden nicht dadurch, dass sie ferngehalten werden." Der Generalsekretär warnte zudem davor, von einer europäischen Krise zu sprechen. "Weltweit haben wir rund 60 Millionen Menschen, die als Binnenvertriebene, Asylsuchende oder Flüchtlinge gelten." 59 Millionen hätten außerhalb Europas Zuflucht gefunden oder hielten sich dort auf. Im Umkehrschluss bedeute dies, dass lediglich eine Million Flüchtlinge im vergangenen Jahr nach Europa gekommen seien.

Junge beklagte eine "bedauerliche Geschichtsvergessenheit" der Menschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe die Gesellschaft es geschafft, die Versorgung von 50 Millionen Flüchtlingen zu stemmen. "Das geschah mit weit weniger Mitteln als sie heute zur Verfügung stehen. Der Reichtum ist in den vergangenen 70 Jahren sicherlich nicht kleiner geworden."

Vor diesem Hintergrund kritisierte der Generalsekretär das Abkommen der Europäischen Union mit der Türkei zur Rückführung aller Migranten, die illegal aus der Türkei über das Meer auf die griechischen Ägäis-Inseln kommen. "Ganz konkret halte ich es für eine Entwicklung mit unabsehbaren Konsequenzen, wenn damit spezifische Aspekte der Menschenrechte und der Flüchtlingskonvention untergraben werden."

Der Weltbund habe bereits Erfahrungen, was Hilfen bewirken könnten, die über den den eigenen Tellerrand hinausblickten, sagte Junge. So gebe es unter anderem ein gemeinsames Engagement von LWB und der humanitären Hilfsorganisation Islamic Relief Worldwide für syrische Flüchtlinge in Jordanien. "Christen und Muslime versorgen Schutzsuchende gemeinsam. Wenn denen irgendwer vorher gesagt hat, Konflikte basieren auf Religionen, so zeigen wir unmissverständlich: 'Vergesst das!' Diese Form von übergeordneter Hilfsbereitschaft müssen wir ausbauen."

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