Das Gedächtnis der Kirche

Nachricht 01. April 2016

Kirchenkreis Hildesheimer Land-Alfeld/Adensen. In dem kleinen Nebenraum des Adenser Pfarrbüros ist kaum ein Fleck ungenutzt. In der Ecke neben der Tür stehen ein paar Colakisten, daneben Kochtöpfe, Staubsauger, was man sonst noch braucht im Gemeindealltag. Dazu ein uralter Tresor aus Eisen und Holz. Längst nicht mehr in Betrieb, aber zu beeindruckend, um ihn wegzuwerfen. Und viel zu schwer. Auch die Wetterfahne von 1786, die bis vor einigen Jahren auf dem Kirchturm saß, ist hier untergenommen. Den weitaus meisten Platz aber nehmen große Stahlschränke ein. Sie enthalten das Gedächtnis der Kirchengemeinde. Das Archiv.

Kaum ein zweiter kennt sich damit so gut aus wie Christoph Bauch. Nicht nur in der eigenen St.-Dionysius-Gemeinde in Adensen. Sondern auch in den Archiven der übrigen Gemeinden zwischen Coppenbrügge und Hoheneggelsen. Als Archivbeauftragter des evangelischen Kirchenkreises Hildesheimer Land-Alfeld hat er die meisten kennen gelernt. Jetzt tritt der 68-Jährige von seinem Amt zurück, „fast zehn Jahre sind genug“, findet er. Und es gibt ja noch ein paar andere Ehrenämter, die er beibehält: Vorsitzender des Kirchenvorstands in Adensen, Vorsitzender des Kirchenkreistags, Mitglied im Finanz- und Planungsausschuss, im Kirchenkreisvorstand, im Vorstand des Kirchenkreisverbands, außerdem im Gemeinderat Nordstemmen und im Ortsrat Adensen. Seine Zeit als Pensionär ist gut genutzt.

Christoph Bauch zieht ein winziges, schmales Büchlein aus einem der Stahlschränke. Es ist das älteste Kirchenbuch der Gemeinde, angefangen im Jahr 1644, mit sauberster Feder geführt. In den Kirchenbüchern sind lückenlos Taufen, Konfirmationen, Eheschließungen und Sterbefälle vermerkt – immer wieder eine wichtige Quelle für Menschen, die Ahnenforschung betreiben. Allerdings muss frau/man die altdeutsche Schrift lesen können, um die Aufzeichnungen zu entschlüsseln.

Die Kirchenbücher sind der Schatz des Archivs, das noch viele andere Dokumente enthält: Rechnungen, Grundrisszeichnungen und Lagepläne, Pressemitteilungen, Jahresbilanzen, Kirchenordnung, Bibeln und vieles mehr. Eine spezielle „Schriftgutordnung mit Aktenplan“ der Landeskirche regelt, was archiviert werden soll, auf welche Weise und wie lange. Die meisten Papiere wird wohl nie mehr jemand hervorholen. Aber sie sind da für den Fall, dass doch einmal besondere Informationen benötigt werden. Christoph Bauch ist gründlicher, als die Vorschriften es erfordern. Etwa die kirchlichen Amtsblätter: „Die dürfen mittlerweile alle entsorgt werden“, berichtet er. „Mache ich natürlich nicht.“ Man weiß ja nie.

Damit auch Archivfremde eine Chance haben, einen Überblick zu bekommen, hat jede Gemeinde ein so genanntes Findbuch. Auf diese Findbücher war Bauch auch als Archivbeauftragter angewiesen, wenn er andere Gemeindearchive besuchte. Jedes Mal, wenn Superintendent Christian Castel den Schäfchen einer Region eine offizielle Visitation abstattete, war es Bauchs Aufgabe, den Zustand der Archive zu überprüfen. Auch, wenn der Pastor einer Gemeinde wechselte, war er zur Stelle, um dem oder der Neuen bei der Orientierung im Archiv zu helfen. Denn die eigentliche Pflege des Archivs ist die Sache der jeweiligen Pastors oder der Pastorin.

„Die Materie ist sehr trocken – und eine Sisyphusarbeit“, räumt der ehemalige Berufssoldat und gelernte Fernmelder ein. Trotzdem habe er das Ehrenamt über all die Jahre geschätzt. „Man wird ja nicht dümmer dabei“, setzt er scherzend hinzu. Es sei spannend, der Geschichte einer Gemeinde auf die Spur zu kommen und eine Vorstellung zu gewinnen, wie die Menschen vor hunderten von Jahren gelebt haben. Eines sei natürlich klar, meint Christoph Bauch in Richtung eine möglichen Nachfolge: „Man muss Spaß an diesen Dingen haben.“ 

Kultur und Kommunikation/Ralf Neite