Hotelbetreiber kocht ehrenamtlich für Obdachlose

Nachricht 29. Dezember 2015

Hannover (epd). Klein gehackte Möhren, Zwiebeln und Sellerie schmoren in einer riesigen Pfanne mit einem Meter Durchmesser. Im Topf nebenan rührt Cord Kelle 25 Kilo Nudeln um. "Heute gibt es Bolognese, das ist eines der Lieblingsessen der Leute." Die rund 280 Portionen kocht der Hotelinhaber aus Langenhagen bei Hannover für Obdachlose und Bedürftige - und zwar ehrenamtlich. Jedes Jahr von Dezember bis Mitte März beliefert der 56-Jährige zweimal wöchentlich die Ökumenische Essenausgabe für bedürftige Menschen in Hannover mit kostenlosen warmen Mahlzeiten.

Unterstützt wird Kelle von seinem ehemaligen Küchenchef Kurt Kähler und seinem Freund Dick van Beuzekom. Bei ihnen gebe es keine Eintöpfe, sondern Essen, "das mit Messer und Gabel gegessen werden kann", betont der Hotelier. Die Lebensmittelkosten für eine Portion liegen bei etwa zwei Euro. Das finanzieren Kelle und sein Team aus Spenden. Ihre Arbeitskraft stellen die drei kostenlos zur Verfügung. Doch die zusätzlichen Arbeitsstunden stören sie nicht. Das sei eine Herzensangelegenheit, sagt Kelle. "Ich habe die Begeisterung der Menschen gesehen, wenn ich das Essen hinbringe."

Marco geht jeden Tag zur Ökumenischen Essenausgabe, die montags bis sonnabends von der evangelischen und katholischen Kirche betrieben wird. "Man trifft viele Leute. Und das Geld ist verflucht eng", sagt der 49-Jährige, der zwar eine Wohnung, aber keine Arbeit hat. Wenn Cord Kelle und Dick van Beuzekom mittwochs und donnerstags mit ihren Thermoboxen kommen, freue sich hier jeder, erzählt Marco. "Das Essen ist immer gut abgeschmeckt, das können die." Auch sein Freund, der anonym bleiben möchte, kommt ins Schwärmen: "Das ist restaurantverdächtig."

Die Initiative "Kochen für Obdachlose" (KFO) stammt ursprünglich aus Köln. Über Facebook wurde Cord Kelle 2012 auf das Programm aufmerksam und brachte es nach Hannover. 2013 gründete er den Verein "KFO Hannover". Insgesamt 9.000 Portionen spendete das Team im vergangenen Winter der Ökumenischen Essenausgabe, die ihre Mahlzeiten normalerweise dem hannoverschen Krankenhaus Friederikenstift abkauft. Dieses Jahr seien es in den ersten drei Dezemberwochen bereits 1.300 Portionen gewesen, erzählt der 60-jährige van Beuzekom. "Wir sind schon viel höher als im letzten Jahr."

Der hannoversche Diakoniepfarrer Rainer Müller-Brandes bestätigt, dass immer mehr Menschen das Angebot der Essenausgabe in Anspruch nehmen. "Die Verelendung nimmt hier zu, das ist eine relativ junge Entwicklung." In Hannover sei die Zahl der wohnungslosen Menschen mittlerweile von etwa 3.000 auf rund 4.000 angestiegen. "Darunter sind auch viele aus Osteuropa, zumal sie hier häufig keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben." Einen Zusammenhang zwischen der steigenden Zahl bedürftiger Menschen und der Flüchtlingsthematik sieht Müller-Brandes aber nicht.

Cord Kelle und Dick van Beuzekom dagegen merken, dass ihre Initiative angesichts der vielen Hilfe für Flüchtlinge aus dem Blickfeld gerät. Die Lebensmittelspenden von Supermärkten und Lieferanten seien im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. "In anderen Jahren waren die Tiefkühltruhen voll, dieses Jahr sind sie leer", berichtet van Beuzekom. Hotelinhaber Kelle ergänzt, dass sie nun an den Notgroschen gehen müssten. Er finde es wichtig, den Flüchtlingen zu helfen. "Aber die Leute hier in Hannover und der Region haben auch ihr Schicksal."

Zu vielen Gästen der Essenausgabe hat der Hotelbetreiber mittlerweile einen persönlichen Draht. "Man sagt so Guten Tag und wie es geht", erzählt der 56-Jährige. Als ihm auffiel, dass einer der Wohnungslosen immer die gleichen Schuhe trug, hat Kelle ihm ein neues Paar gekauft. Von manchen Stammgästen werde er mittlerweile in der ganzen Stadt erkannt. So wie vergangenen Sommer, als ihm einer von der anderen Straßenseite zurief: "Hey du, bist du nicht der Suppenkoch?"

Ob Kelle denn im Winter wiederkomme, habe der Stammgast damals von ihm wissen wollen. Die Antwort ist für den 56-Jährigen klar. Durch die vielen zusätzlichen Arbeitsstunden gehe er zwar manchmal auf dem Zahnfleisch. Deswegen plant der Hotelier, sein Engagement im kommenden Jahr, zumindest während der Weihnachtszeit, auf einen Tag pro Woche reduzieren. "Aber aufhören tue ich damit nicht."

 

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Stichwort "Essenausgabe".