Evangelische Kirche: Flüchtlingsaufnahme ist humanitäres Gebot

Nachricht 14. September 2015

Hannover/Brüssel (epd). Angesichts der Flüchtlingskrise wirbt die evangelische Kirche dafür, Schutzsuchenden legale Wege nach Europa zu eröffnen. Dies seien die wirksamsten Maßnahmen gegen die Gefahren der Flucht. "Wir fordern deshalb legale Wege für Schutzsuchende und begrüßen Diskussionen über ein Einwanderungsgesetz, das neue Zuwanderungsmöglichkeiten für Menschen auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben eröffnet", schreiben die Leitenden Geistlichen der 20 evangelischen Landeskirchen in einem Sechs-Punkte-Papier, das am Dienstag in Brüssel, Hannover und allen Landeskirchen veröffentlicht wurde.

In der Geschichte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist es das erste Mal, dass die Spitzenrepräsentanten aller Landeskirchen eine gemeinsame Erklärung beschlossen. "Mit dieser Erklärung wollen wir für unsere evangelischen Kirchen inmitten intensiver Debatten einen Beitrag zur Orientierung schaffen", sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm.

Konkret nehmen die Leitenden Geistlichen zur aktuellen Entwicklung wie Wiedereinführung von Grenzkontrollen und der Verteilung von Flüchtlingen in der Europäischen Union nicht Stellung. Sie fordern, Europa müsse gemeinsam handeln und seinen humanitären Verpflichtungen gemeinschaftlich nachkommen. Menschen auf der Flucht vor Hunger, Verfolgung und Gewalt willkommen zu heißen und aufzunehmen, sei ein Gebot der Humanität und christlicher Verantwortung, argumentieren die Bischöfe, Kirchenpräsidenten und Präsides. "In ihrer Not begeben sich Menschen auf der Flucht in Lebensgefahr. Es ist humanitäre Pflicht, alles zu tun, um Menschen aus Seenot und vor anderen Gefahren zu retten." Gegen menschenverachtende Schlepperbanden und mafiöse Strukturen müsse mit polizeilichen Mitteln vorgegangen werden.

Angesichts der hohen Flüchtlingszahlen sehen die Leitenden Geistlichen die bundesdeutsche Gesellschaft vor einer großen Herausforderung, die jedoch auch Kräfte mobilisiere. Sie äußern sich dankbar für die Hilfsbereitschaft in Kirche, Gesellschaft, Staat und Politik sowie den Einsatz von Ehren- und Hauptamtlichen, die für schnelle und menschenwürdige Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen sorgten. In dem Papier wird versichert, Willkommenskultur und die Integration der Zufluchtsuchenden gehöre zu den zentralen Aufgabe von Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen.

Den Deutschen sei aufgrund der Geschichte besonders bewusst, welches Geschenk Hilfe in der Not und offene Türen bedeuteten, unterstreichen die evangelischen Kirchenrepräsentanten. Entschieden widersprechen sie Fremdenfeindlichkeit, Hass oder Rassismus. Sorgen und Ängste vor Überforderung müssten ernst genommen, dürften aber nicht für menschenfeindliche Stimmungen missbraucht werden.

In dem Sechs-Punkte-Papier wird auch auf Fluchtursachen wie Klimawandel, Kriege, Verfolgung, Zusammenbruch von Staaten verwiesen. Darin sei auch die Bundesrepublik "tief verwickelt" über globale Handelsbeziehungen, Waffenlieferungen und einen Lebensstil, der die Ressourcen der Erde verbrauche. "Eine Umkehr von diesen ungerechten Verhältnissen ist an der Zeit", mahnen die Leitenden Geistlichen.

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