Experten: Religionen werden im Nahen Osten für Kriege missbraucht

Nachricht 27. Mai 2015

Hannover (epd). Mit Glaubenskonflikten werden im Nahen Osten Experten zufolge immer wieder wirtschaftliche und politische Kriegsgründe verschleiert. "Die Religionen werden benutzt, um die Kriege dort zu legitimieren", sagte der langjährige Nahost-Korrespondent Jörg Armbruster am Mittwochabend in Hannover. "Menschen lassen sich durch Glaubenskonflikte einfach leichter gegeneinander aufwiegeln als durch politische Einflusszonen und wirtschaftliche Interessen", sagte der frühere Leiter des ARD-Studios Kairo. Er sprach bei einer Podiumsdiskussion der evangelischen Hanns-Lilje-Stiftung über die Christenverfolgung in der Region.

So werde etwa der innermuslimische Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten bei den derzeitigen Kriegen im Irak, in Syrien und im Jemen vorgeschoben. Tatsächlich gehe es bei all diesen Kämpfen jedoch um den machtpolitischen Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, erläuterte Armbruster. Die beiden Regionalmächte konkurrierten seit Jahren um die Kontrolle wichtiger Öltransport-Routen wie die Straße von Hormus und um die geopolitische Vormachtstellung im gesamten Nahen Osten.

Eine Ausnahme in den bewaffneten Konflikten der Region bilde der "Islamische Staat" (IS). Dieser sei tatsächlich vor allem religiös aufgeladen. Die Terrororganisation verfolge gezielt Christen und weitere religiöse Minderheiten. In anderen Staaten des Nahen Ostens würden Christen zwar benachteiligt, aber nicht verfolgt, erläuterte der frühere "Weltspiegel"-Moderator. Für die meisten Staatsoberhäupter der Region seien Christen ein "politischer Spielball".

Der in Kairo aufgewachsene evangelische Pastor Michel Youssif sagte, ein Positivbeispiel sei jedoch Ägypten ist. Youssif ist der Gründer einer arabisch-deutschen Gemeinde in Hannover. In Ägypten gebe es seit dem Militärputsch durch General as-Sisi keine Christenverfolgung mehr, sagte Youssif. Christen seien in dem Land zwar weiterhin benachteiligt, sie müssten jedoch nicht mehr so leiden, wie unter den Muslimbrüdern. In den 13 Monaten ihrer Herrschaft seien in dem Land am Nil über 100 Kirchen zerstört und christliche Frauen gezielt entführt worden.

"Die Religion wird im Nahen Osten missbraucht, um Menschen in den Krieg zu führen", betonte auch der Pastor. Viele Sunniten und Schiiten hielten die jeweils anderen nicht für richtige Muslime. Hassprediger verstärkten solche Ansichten und nutzten sie für ihre Zwecke.

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