Bundespräsident: Verbrechen von Bergen-Belsen sind bleibende Mahnung

Nachricht 25. April 2015

70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen hat Bundespräsident Joachim Gauck zu mehr Zivilcourage aufgerufen. Zu viele hätten weggesehen, als mitten in Deutschland unmenschliche Verbrechen verübt wurden.

Bergen-Belsen/Kr. Celle (epd). In einer bewegenden Gedenkveranstaltung haben Überlebende und Politiker am Sonntag an die Befreiung des niedersächsischen Konzentrationslagers Bergen-Belsen vor 70 Jahren erinnert. Bundespräsident Joachim Gauck rief dazu auf, die Erinnerung an die Verbrechen der Deutschen in der NS-Zeit nicht abreißen zu lassen. Zugleich gelte es, Lehren für die Gegenwart zu ziehen. "Wir müssen den Blick auf Geschehendes richten. Das ist unsere Lehre aus der Vergangenheit", sagte Gauck am Sonntag auf dem Gelände der niedersächsischen Gedenkstätte Bergen-Belsen.

"Wir bekennen uns heute zu dem Auftrag, die Verbrechen nicht zu leugnen und zu relativieren und die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten", sagte der Bundespräsident. Die Verbrechen in Bergen-Belsen hätten sich mitten in Deutschland zugetragen. Aber zu wenige Menschen hätten wissen wollen, was vor ihrer eigenen Haustür geschah. Wer in einer solchen Situation wegsehe, verweigere den Opfern alles, sagte Gauck: "Mitleid und Hilfe, ja selbst die bloße Zeugenschaft für erlittenes Unrecht."

Unter den mehr als 1.000 Gästen waren rund 90 Überlebende des Lagers, die noch einmal an den Ort ihres unermesslichen Leides zurückgekommen waren. Sie saßen in Stuhlreihen vor der Inschriftenwand, die an die Opfer des Lagers erinnert - mit Schirmen und Capes gegen die einsetzenden Regenschauer geschützt. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) dankte ihnen dafür, dass sie den schweren Weg auf sich genommen haben: "Wir stehen tief in Ihrer Schuld."

Als britische Truppen Bergen-Belsen am 15. April 1945 befreiten, fanden sie rund 10.000 Leichen vor. In Bergen-Belsen wurden mehr als 52.000 KZ-Häftlinge und rund 20.000 Kriegsgefangene ermordet oder starben an Hunger, Durst, Krankheiten und den Folgen der Haft. Unter ihnen war auch das jüdische Mädchen Anne Frank, dessen Tagebuch später weltberühmt wurde.

Auf dem Gelände mit den Massengräbern der Opfer warnten Redner vor einem neu erstarkendem Antisemitismus und Fremdenhass. "70 Jahre nachdem dieses Lager befreit wurde, hören wir die gleichen antisemitischen Lügen", sagte der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder. Heute könne ein jüdischer Junge in den Straßen von London, Paris oder Kopenhagen keine Kippa tragen, ohne um sein Leben zu fürchten. In Ungarn und Griechenland säßen rechtsextreme Neonazi-Gruppen in den Parlamenten. Im Unterschied zu damals gebe es jedoch heute einen starken Staat Israel, der die Juden überall verteidige.

"Viel zu viele Täter sind ungeschoren davongekommen", sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. "Wir wissen, wie unwillig die deutsche Nachkriegsgesellschaft war, sich ihrer Schuld zu stellen." Heute werde mühsam versucht, doch noch Täter zur Rechenschaft zu ziehen, sagte er unter anderem mit Blick auf einen laufenden NS-Kriegsverbrecherprozess in Lüneburg begonnen hat. "Diese schrecklichen Verbrechen zu ahnden sind wir den Opfern schuldig."

Der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, kritisierte, Minderheiten wie Sinti und Roma, Juden und Muslime müssten erneut als Sündenböcke für ökonomische Fehlentwicklungen und soziale Verwerfungen herhalten. "Doch die angebliche Verteidigung des Abendlandes vor Entfremdung ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Infragestellung dessen, was die offene demokratische Gesellschaft im Innersten zusammenhält."

Überlebende schilderten die unvorstellbaren Zustände im Lager vor der Befreiung. "Zu gern möchte man dieses Grauen einfach verdrängen, alles vergessen, wenigstens Szenen wie diese", sagte Anastasija Gulej (89) aus der Ukraine auf Russisch. Dann erzählte sie mit stockender Stimme, wie eine Frau ihre Nachbarin auf der hölzernen Schlafpritsche bat, etwas zur Seite zu rücken. Doch die Freundin war schon tot.

Die Gedenkfeier erinnerte auch an die Neuanfänge jüdischen Lebens. In Bergen-Belsen wurde nach der Befreiung in der Nähe des Konzentrationslagers ein "Displaced Persons Camp" eingerichtet, das bis 1950 bestand. Dort bereiteten sich heimatlos gewordene Holocaust-Überlebende sich auf einen neuen Start in Israel vor. Redner würdigten ihren Mut zum Neubeginn, nachdem sie alles verloren hatten.

Copyright: epd Landesdienst Niedersachsen-Bremen