Menschen erinnern bei Mahnwachen und Kundgebungen an den tausendfachen Tod im Mittelmeer

Nachricht 20. April 2015

Von Reimar Paul (epd)

Göttingen/Köln (epd). "Stoppt das Sterben!" hat jemand mit weißer Kreide auf das dunkle Pflaster geschrieben. Ein rund 20 Quadratmeter großes Areal auf dem Göttinger Hiroshimaplatz ist durch Klebeband mit aufgedruckten Totenköpfen symbolisch abgesperrt worden. "EU Border - Do not cross", warnt eine Aufschrift daneben. Ein paar Meter weiter sind Umrisse von liegenden Menschen aufgemalt.

"Wir gedenken hier der Toten im Mittelmeer", sagt Theresa F. Die junge Frau, die ihren vollen Namen nicht nennen mag, hat die Mahnwache vor dem Rathaus der Stadt am Montag angemeldet und eingerichtet. "Ich konnte die Nacht davor wegen der schrecklichen Nachrichten nicht schlafen", erzählt sie. "Ich habe einfach nicht mehr ausgehalten, was da passiert und wollte irgendwas tun." Mehr als 1.000 Flüchtlinge waren bei den Flüchtlingskatastrophen in den vergangenen Tagen ums Leben gekommen, als überfüllte Boote auf ihrem Weg von Afrika nach Europa kenterten.

Doch nicht nur in Göttingen gehen Menschen angesichts der humanitären Katastrophen auf die Straße. In Hannover demonstrierten am Dienstagnachmittag Flüchtlinge und ihre Unterstützer unter der Parole "Fähren statt Frontex" für den Aufbau eines effektiven Seenotrettungssystems und sichere Einreisewege für Flüchtlinge nach Europa. "Mare Nostrum reicht nicht!", hieß es im Aufruf. "Wir fordern vielmehr, dass Bootsflüchtlinge auf den täglich über das Mittelmeer pendelnden Fähren Europa sicher und kostengünstig erreichen können."

Für Sonntagabend hat die evangelische Marktkirchengemeinde in Hannover zu einer Gedenkandacht eingeladen, auch Landesbischof Ralf Meister will zu der Veranstaltung kommen. Anfang Juni ist in der Landeshauptstadt eine Großdemonstration zum Thema Flucht und Asyl geplant, wie der Niedersächsische Flüchtlingsrat mitteilt.

In Osnabrück hat die Initiative "European Border Watch" in dieser Woche ein neues Büro eröffnet. Dort können sich Interessierte für ein neues Online-Rettungsprogramm registrieren und schulen lassen: Mit einer speziellen Software ließen sich vom heimischen Computer aus Flüchtlingsboote frühzeitig erkennen und ihre Koordinaten innerhalb von Sekunden an Rettungsdienste übermitteln, sagen die Organisatoren.

In Köln hat die Gruppe "Kein Mensch ist illegal" für Mittwoch zu einer Kundgebung auf der Domplatte aufgerufen. Unter dem Titel "Frau Merkel, lassen Sie keine weiterem Menschen im Mittelmeer sterben!" fordert ein Aufruf im Internet die Bundeskanzlerin zum Handeln auf.

In Göttingen hat sich schnell herumgesprochen, dass es eine Mahnwache gibt. Theresa erhält inzwischen Unterstützung von anderen Aktivisten, die Plakate malen oder Kondolenzlisten auslegen. Auch Verwaltungsmitarbeiter und Menschen, die im Rathaus etwas zu erledigen haben, halten am Dienstagmorgen kurz inne. Einige haben Blumen abgelegt oder eine Kerze aufgestellt. Ein kleines Mädchen hat eine Tüte mit Gummibärchen da gelassen, "weil mir die toten Flüchtlinge so leidtun". Auch hier gehen die Aktionen weiter. Am Sonnabend sind eine Kundgebung und ein "Willkommensfest" für Flüchtlinge am Gänseliesel-Brunnen geplant.

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