Historiker: Mahnende Stimme der Überlebenden bleibt wichtig

Nachricht 06. April 2015

Celle (epd). 70 Jahre nach der Befreiung deutscher Konzentrationslager haben die KZ-Überlebenden nach Ansicht des Historikers Jens-Christian Wagner noch eine bedeutende Rolle. In Deutschland herrsche eine offenere Kultur als in vielen anderen europäischen Ländern, sagte der Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Das hat mit den Lehren zu tun, die wir aus den NS-Verbrechen gezogen haben, und mit dem moralischen Gewicht der Überlebenden, die warnend ihre Stimme erheben."

Die Stiftung mit Sitz in Celle hat Wagner zufolge bis heute Kontakt zu mehr als 2.000 Überlebenden vor allem des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, die heute in vielen Ländern leben. "Das ist in Deutschland einmalig." In Bergen-Belsen kamen während der NS-Zeit mehr als 52.000 KZ-Häftlinge und rund 20.000 Kriegsgefangene ums Leben. Das Lager wurde am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit. Zur offiziellen Feier des 70. Jahrestages der Befreiung wollen am 26. April rund 100 Überlebende anreisen.

In Bergen-Belsen seien besonders viele jüdische Menschen inhaftiert gewesen, unter ihnen etwa 3.000 Kinder, erläuterte Wagner. "Auch in zehn Jahren wird es hier noch Zeitzeugen geben." Oft setzten sich diese Menschen erst im Alter und nach der Berufstätigkeit mit ihrer Kindheit auseinander und wendeten sich dann an die Gedenkstätte.

Dort träfen sie auf ganz andere Deutsche als vor 1945. "Sie merken, dass man ihnen mit offenem Herzen begegnet", sagte Wagner. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte haben mittlerweile mehr als 400 Interviews mit Überlebenden aufgezeichnet, die auch die Ausstellung in Bergen-Belsen prägen.

Einigen Überlebenden sei es sehr wichtig zu berichten, was ihnen in den Lagern angetan wurde, sagte Wagner. "Sie versuchen dem sinnlosen Leiden am Ende einen Sinn zu geben, indem sie die politische Botschaft vermitteln, dass so etwas nie wieder geschehen darf." Zugleich interessierten sich junge Menschen deutlich mehr für die Geschichte, "wenn ein lebendiger Mensch ihnen davon erzählt". Dennoch müssten die Zeitzeugen-Berichte gemeinsam mit anderen Quellen gesehen werden und nicht als unumstößlicher historischer Beweis.

Die KZ-Überlebenden hätten vor allem ein moralisches Gewicht, sagte Wagner weiter. Der Respekt vor ihnen verhindere einen verfälschenden und revisionistischen Blick auf die deutsche Geschichte. "Ich fürchte, dass wir ein ganz anderes politisches Klima bekommen, wenn diese Menschen nicht mehr da sind." Wirklich zu ersetzen seien sie nicht. Deshalb müsse die ganze Gesellschaft sich dafür einsetzen, ihr Vermächtnis zu bewahren: "Es liegt an uns selbst, deutlich zu machen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit einen gesellschaftlichen Wert hat."

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