Dörfer machen sich zukunftsfest

Tagesthema 11. Januar 2022

Leerstand und Landflucht? Nicht in Flegessen, Hasperde, Klein Süntel. Die Dorfbewohner stemmen sich gegen den Trend, kreativ und voller Elan. Für das Landwirtschaftsministerium protokollieren sie Ihre Ideen - als Blaupause für andere Dörfer. Auch die Landeskirche ist auf der Suche nach Zukunftskonzepten - #Kirche2030.

Die "Dreidorfgemeinschaft Flegessen - Hasperde - Klein Stüntel" hat ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Bild: epd-Bild

Fachwerkhäuser, Scheunen, Wiesen, eine kleine Kirche: Flegessen, Hasperde und Klein Süntel im niedersächsischen Weserbergland sind Bilderbuch-Dörfer. In der 1.500 Einwohner zählenden Drei-Dörfer-Gemeinschaft zwischen Hameln und Bad Münder gibt es eine Grundschule, einen Dorfladen, einen Bäcker, sogar einen Fleischer.

Spätestens jetzt stutzt der Besucher, der durch den Ort schlendert. Schule, Laden, Bäcker, Fleischer? Zur Bilderbuchidylle mögen sie gehören, doch die Dorfrealität heute sieht anders aus. Sie ist oftmals geprägt von Schließungen und Leerständen, von Abwanderung und Landflucht.
Dem Statistik-Portal „Statista“ zufolge lebten 1990 bundesweit noch 26,9 Prozent der Menschen auf dem Land. 25 Jahre später waren es nur noch 22,8 Prozent. 2050, so die Prognose der Statistiker, werden es nur noch 15,7 Prozent sein.

Freie Grundstücke - Fehlanzeige

Inse Brandes (re., im Dorfladen mit Peter Buss) betreibt mit ihrer Familie in Flegessen einen landwirtschaftlichen Hof und engagiert sich für eine lebendige Dorfzukunft. Bild: Jens Schulze/epd

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung bezeichnet diese Entwicklung als „Abwärtsspirale“. Viele Dörfer und Kleinstädte erlebten einen beschleunigten demografischen Wandel, schreiben die Wissenschaftler der Denkfabrik, die Bevölkerung schrumpfe und altere schneller.

Die Dorfgemeinschaft am Süntel, rund 40 Kilometer südwestlich von Hannover, stemmt sich erfolgreich gegen diesen Trend. Hier leben inzwischen wieder viele junge Familien mit Kindern. Menschen, die hier geboren wurden und für die Ausbildung weggingen, kehren zurück. Viele pendeln in umliegende Städte wie Hameln. Die Bevölkerung hat sich deutlich verjüngt, die Zeit der Abwanderung ist gestoppt.

Die Grundschule in Flegessen wird im kommenden Jahr zweizügig, der Kindergarten platzt aus allen Nähten. Freie Baugrundstücke, zum Verkauf stehende Häuser? Fehlanzeige. „Wir haben etliche Anfragen, aber unsere Dörfer sind voll“, sagt Beatrix Nehmann.

Schließung der Grundschule abgewendet

Inse Brandes (r.) betreibt mit ihrer Familie in Flegessen einen landwirtschaftlichen Hof, Beatrix Nehmann lebt seit 40 Jahren in Flegessen und ist Vorsitzende der "Ideenwerkstatt Dorfzukunft". Bild: Jens Schulze/epd

Nehmann lebt seit 40 Jahren in Flegessen und ist im Vorstand der „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“. Vor neun Jahren gründeten die Dorfbewohner den Verein. Ihr Ziel: das Leben auf dem Land attraktiv machen, Mobilitäts- und Versorgungsangebote schaffen und damit die Zukunftsfähigkeit ihrer Dörfer sichern.

Auslöser für das Engagement war 2012 die drohende Schließung der Grundschule. „Wir hatten Glück, unsere Schule blieb erhalten“, sagt Inse Brandes, die mit ihrer Familie in Flegessen einen landwirtschaftlichen Betrieb bewirtschaftet und sich für eine lebendige Dorfzukunft engagiert. Doch die Debatte um die Schulschließung habe die Dorfgemeinschaft aufgeschreckt. „Uns wurde klar, dass wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen wollen.“

Seitdem treffen sich die Dorfbewohner regelmäßig zu Veranstaltungen der Ideenwerkstatt. Mehr als 85 Projektideen sind mittlerweile entstanden, etliche bereits erfolgreich umgesetzt. Neben zahlreichen Vereinen gibt es unter anderem ein Hofcafé mit Veranstaltungsscheune, vier Chöre, ein Dorf-Kino, eine Imkerei sowie ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt im ehemaligen Pfarrhaus. Das dorfeigene „Süntelblatt“ informiert alle zwei Monate über Termine und aktuelle Ereignisse in den Dörfern, aufgestellte Stelen in den Ortschaften über die Historie der drei Dörfer. Im vergangenen Sommer luden die Dorfbewohner zu einem Folk-Festival auf das Pfarrhausgelände ein.

Stolz sind sie in Flegessen auf ihr „Süntellädchen“, einen Dorfladen mit regionalem Bioangebot. Kartoffeln, Weine, Kosmetik, Müsli - das Angebot lässt keine Wünsche offen. 250.000 Euro haben Grundstückserwerb und Bau des achteckigen Geschäfts gekostet. 180.000 Euro wurden über einen Kredit finanziert, 80.000 Euro im Dorf gesammelt.

Blaupause für andere Dörfer

Flegessen (Foto Hofcafe), Hasperde und Klein Suentel im niedersächsischen Weserbergland sind eine 1.500 Einwohner zählende Drei-Dörfer-Gemeinschaft zwischen Hameln und Bad Muender. Bild: Jens Schulze/epd

Das „Süntellädchen“ wird ehrenamtlich betrieben. Heute steht Adriane Krehl an der Kasse und klönt mit Peter Buss, der zum Einkaufen gekommen ist. Der 63-jährige vierfache Vater lebt seit 26 Jahren in Flegessen und lobt die „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“. „Wir haben uns alle durch das Projekt und das gemeinsame Tun neu kennengelernt“, sagt er. Die Identifikation der Menschen mit ihren Dörfern sei gestiegen.

Dass in Flegessen, Hasperde und Klein Süntel etwas Besonderes geschaffen wurde, ist inzwischen weit über die Region bekannt. Vielfach wurde das Projekt ausgezeichnet, unter anderem 2018 mit dem Europäischen Dorferneuerungspreis.

Seit Oktober 2020 finanziert das niedersächsische Landwirtschaftsministerium das zweijährige Modellprojekt „Wissenstransferstelle Kultureller Wandel“. Inse Brandes und ihre Kollegin Luka Ahlers arbeiten die Erfahrungen, die die Dorfgemeinschaft mit ihrem Zukunftsprojekt über die Jahre gewonnen hat, in ein Curriculum ein - als Blaupause und Trainingsmodul für andere Dörfer, die es ihnen gleichtun wollen.

In der Drei-Dörfer-Gemeinschaft sind die Menschen derweil weiter auf dem Weg. Gemäß ihrem Motto: „Wenn wir gemeinsam träumen“ haben sie einen Ausblick in das Jahr 2035 gewagt: Ihre Dörfer, so steht es auf der „Inspirations-Dorf-Karte“, sind dann autofrei, der Energieverbrauch hat sich halbiert - und das Landwirtschaftsministerium fördert den Anbau von Oliven und Zitronen.

Julia Pennigsdorf/epd

Lebendiges Pfarr- und Gemeindehaus

Bereits seit 2010 setzt sich der von Kirchengemeinde und Dorfgemeinschaft initiierte gemeinnützige „Förderverein Pfarrhaus Flegessen e.V.“ für die bauliche Rettung und Wiederbelebung des seit 2001 leerstehenden, zweiteiligen, denkmalgeschützten Pfarrhaus-Objektes aus dem Jahr 1892 ein. Im Januar 2015 haben Förderverein und Kirchenvorstand eine Projektgruppe eingesetzt, um ein konkretes Sanierungskonzept zu erarbeiten. 12 Ehrenamtliche haben in unzähligen Planungssitzungen Kosten kalkuliert, Experten um Rat gebeten, Fördergeldoptionen ausgelotet und sowohl die bauliche Planung als auch die Alltags-Gestaltung mit potentiellen späteren Nutzer*innen diskutiert. Herausgekommen ist ein multifunktionales Nutzungskonzept mit zwei Teilen: Der ehemalige Pfarrhausteil soll für gemeinschaftliches, generationen-übergreifendes Wohnen saniert werden. Der Gemeindehausteil soll als multifunktionales Haus der Gemeinschaft, Kultur und Vereine hergerichtet werden (inkl. Dorfkino, Workshop-Saal, Gemeinschaftsküche, Kinderbetreuungsangebot, etc.). Für den Kauf des Objektes und die Umsetzung des Sanierungsprojektes wurde im Juli 2017 eine gemeinwohlorientierte Trägergesellschaft in Bürgerhandgegründet, die „Neues Leben in alten Mauern UG (haftungsbeschränkt)“. Die Sanierung des Gebäudes ist im März 2019 gestartet.

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