Auf der Suche nach der Kirche von morgen

Nachricht 30. Dezember 2021
Diakonin Janette Zimmermann arbeitet in einem kirchlichen Innovationsprojekt in Springe, das sich speziell an Menschen im Alter zwischen 25 und 45 Jahren richtet. Bild: Nancy Heusel/epd-bild

Wenn Janette Zimmermann in Springe bei Hannover unterwegs ist, kann sie zu vielen Häusern eine Geschichte erzählen. "Die Bäckerei da drüben", sagt die evangelische Diakonin und deutet mit dem Finger über die Straße, "da ist jetzt ein Café drin, wo man auch mit dem Kinderwagen durch die Tür kommt." Und in dem leerstehenden Laden da vorn hat sie mal vorübergehend ein "Pop-Up-Café" für junge Eltern eröffnet.

Zimmermann sieht die Stadt mit den Augen ihrer Zielgruppe: der 25- bis 45-Jährigen, die häufig den Kontakt zur Kirche verloren haben. Und genau das will die 37-Jährige ändern. Sie bezeichnet sich selbst als "Kirchenpionierin" und sucht nach neuen Wegen, wie die Kirche von morgen aussehen.

Viele junge Eltern leben völlig ohne Kirche.

Mit dieser Suche ist sie nicht allein. Landauf landab haben die Kirchen in Deutschland Zukunftsprozesse gestartet, um angesichts von Traditionsabbrüchen und Mitgliederverlusten neue Ideen zu entwickeln. Deutschlands größte evangelische Kirche, die hannoversche Landeskirche, hat bisher allein 48 innovative Projekte durch einen speziellen Fonds unterstützt - von der mobilen Kirche im Bauwagen bis zum Gemeindecafé. Viele von ihnen gehören zugleich zur Bewegung "Fresh Expressions of Church", die aus England kommt. Bundesweit fördert "Fresh X", wie es kurz heißt, mehr als 200 innovative Projekte.

In Springe hat Janette Zimmermann zunächst einmal Interviews mit Menschen aus ihrer Zielgruppe geführt, um ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erkunden. Sie fand heraus: Viele gestresste Eltern vermissten in ihrer Stadt ein ruhiges Plätzchen, wo sie nachmittags einfach mal so hingehen konnten, ohne dass sich jemand von Kindern gestört fühlt. Und ein anderes Ergebnis: Viele aus dieser Generation leben völlig ohne Kirche. "Sie haben das Empfinden, dass ihnen die Kirche nichts bringt." Zimmermann zog daraus für ihre Arbeit die Konsequenz: "Diesen Menschen ist es wichtig, dass sie überhaupt erst einmal gesehen werden."

Pop-Up-Café in leerstehendem Laden

So hat sie zunächst Aktionen wie das Pop-Up-Café "Kleine Pause" gestartet. Es kamen bis zu hundert Besucher am Tag in den leerstehenden Laden. Daraus entwickelte sich eine Initiativ-Gruppe, die Ideen für Familien entwickelt. Manchmal kommen auch ein paar Leute aus der Gruppe zur Andacht in die Kirche. In der hat die Gemeinde inzwischen die Bänke ausgeräumt und Stühle hineingestellt. Das wirkt einfach gastlicher, sagt Zimmermann: "Die Kirche wird sich verändern, ob wir wollen oder nicht."

Expert*innen: Kirche muss klar benennbare Funktion haben.

Pastor Torsten Pappiert. Bild: Haus kirchlicher Dienste

Pastor Torsten Pappert (50) ist Referent für innovative Gemeindeentwicklung bei der hannoverschen Landeskirche und unterstützt Projekte wie das in Springe. "Ich glaube, dass Innovation nicht aus der Mitte der Institution kommt, sondern eher von Bewegungen an den Rändern", sagt er. Dafür brauche es Menschen mit Mut, etwas Neues zu probieren - auch mit dem Risiko des Scheiterns. Gleichzeitig sei der Rahmen einer großen Organisation wie der Kirche nötig, um Zusammenhalt und gedankliche Weite zu sichern.

Für postmodern geprägte Menschen habe sich mit Blick auf die Kirche etwas Entscheidendes geändert, sagt Pappert: Die Idee einer lebenslangen Mitgliedschaft in einer Institution sei ihnen nicht mehr selbstverständlich. "Sie muss schon eine klar benennbare Funktion haben, denn man hat halt gern was davon." Und das müsse zumindest das Gefühl der Zugehörigkeit sein.

Hier setzt auch Professor Herbert Asselmeyer (68) an. Der langjährige Kirchenvorsteher lehrt Organisationspädagogik an der Uni Hildesheim und ist seit langem als Berater in der Kirche tätig. Den Schlüssel für kirchliche Innovationsprozesse sieht er bei den Gemeinden vor Ort. Gemeinschaft stifte Identität und lasse Glauben, Spiritualität und Kirche spürbar werden, betont er: "Wir müssen die Gemeinden dabei unterstützten, dass sie souveräner auf die Fragen antworten können: Wozu braucht man uns? Was ist unser einmaliges Angebot?" Nähe und Sympathie für die Kirche entstehe durch persönlichen Kontakt.

Engagierte Gemeinden müssten deshalb alle Ressourcen erhalten, die sie bräuchten, um sich erfolgreich zu organisieren und zu vernetzen, fordert der Hochschullehrer. So könnten sie zu zukunftsweisenden Modellen für andere werden. Gemeinden, die sich an ihnen orientieren wollten, müssten ebenfalls gefördert werden. Dann könne eine neue Dynamik entstehen, und zwar schon innerhalb von zehn Jahren, betont Asselmeyer: "Das ist der Idealhorizont für Entwicklungsprozesse."

In kleinen Schritten voran

Diakonin Janette Zimmermann geht in kleinen Schritten voran. In Springe hatte sie für den Advent wieder etwas Besonderes auf die Beine gestellt: einen Adventskalender quer durch die Stadt mit weihnachtlich dekorierten Häusern und Schaufenstern. 25 Stationen machten mit - das Netzwerk trägt. Das Motto der Religionspädagogin: "Erst einmal umfassend zuhören und wahrnehmen. Und dann schauen, ob gemeinsam etwas daraus entsteht."

Text: Michael Grau/epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen

"Rausgehen und schauen: Was können wir machen?"

Pastorin Hanna Jacobs. Bild: Thomas Lohnes/epd-bild

Die 33-Jährige Hanna Jacobs ist Pastorin in Hannover und war zuvor für das innovative Kirchenprojekt „raumschiff.ruhr“ für junge Erwachsene in Essen tätig. Zugleich sorgte sie mit pointierten Kolumnen für die Wochenzeitung „Christ und Welt“ für Aufsehen – so sehr, dass sie zeitweise als „Kirchenrebellin“ bezeichnet wurde.

Unter anderem zog sie den Sinn der Predigt in Zweifel. „Die Rede hat heute nicht mehr den Sitz im Leben wie früher“, sagt sie. „Wir schauen Talkshows im Fernsehen, alles findet viel dialogischer statt.“ Auch mit der traditionellen Amtstracht der Pastorinnen und Pastoren, dem Talar, haderte sie. „Er schafft eine gewisse Distanz zur Gemeinde. Er zeigt: Ich bin anders als Ihr.“

Als sie 2020 – zu Beginn der Coronakrise – ihr Pfarramt in Hannovers Norden antrat, war ihr gleich klar, dass die Kirche nicht darauf warten kann, bis die Leute zu ihr kommen. So setzte sie sich mit Tisch und Stuhl vor das Epiphanias-Kirchenzentrum, um mit den Menschen in ihrem Stadtteil ins Gespräch zu kommen, und verteilte einen „Segen zum Mitnehmen“. Auch auf dem Marktplatz war sie schon präsent. Erntedank feierte sie auf dem Stadtteilbauernhof, und zu Weihnachten sang sie mit Ehrenamtlichen Lieder zwischen den Wohnblocks. „Es ist wichtig rauszugehen und zu schauen: Was können wir jenseits des Stuhlkreises im Gemeindehaus machen?“

Sitzungen des Kirchenvorstands werden in ihrer Gemeinde jetzt von einer Steuerungsgruppe intensiv vorbereitet, damit sich die Teilnehmenden auf das Wesentliche konzentrieren können und sich nicht stundenlang an Details festbeißen. Denn Ehrenamtliche dürften nicht zu sehr mit Verwaltungsfragen belastet werden, findet Jacobs. Stattdessen müsse die Spiritualität wieder eine größere Rolle spielen – gerade angesichts der ungeheuren Beschleunigung des Lebens durch Internet und soziale Medien.

Mit den Konventionen des Pfarramts hat die junge Pastorin inzwischen ihren Frieden gemacht. Natürlich predigt sie im Gottesdienst – baut aber gern Beiträge von Ehrenamtlichen in ihre Ansprache ein. Und auch den Talar streift sie natürlich über. „Ich verändere Dinge im Kleinen“, sagt Jacobs.

Michael Grau/epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen

Zur Internetseite der Titus-Epiphanias-Kirchengemeinde in Hannover