"Die Politik schuldet den Soldat*innen die Aufarbeitung des Einsatzes"

Tagesthema Hannover, 20. Oktober 2021

Dr. Alexandra Dierks ist Militärseelsorgerin in Wunstorf, von wo die A400M-Maschinen nach Afghanistan gestartet und gelandet sind. Sie fordert von der Politik eine Aufarbeitung des gesamten Einsatzes und sagt: "Der deutschen Politik fehlt aus meiner Sicht ein echtes strategisches Langzeitdenken."

Dr. Alexandra Dierks ist Militärseelsorgerin in Wunstorf. Foto: Linkmann

Frau Dierks, letzte Woche war Großer Zapfenstreich, damit ist der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan beendet. Die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte, die Bundeswehr könne stolz auf sich sein – eine Einschätzung, die viele Deutsche offenbar nicht teilen, denn es gab auch viel Kritik an dem Einsatz. Wie ist Ihr Resümee jetzt, etwa sieben Wochen nachdem Sie rückkehrende Soldat*innen in Wunstorf in Empfang genommen haben?
Dierks: „Gemischt. Es ist wichtig und richtig, dass es diesen militärischen, offiziellen Abschluss gab, dass der Opfer gedacht wurde, all das. Und die Leistungen der Bundeswehr sind unbestritten. Jetzt braucht es aber eine genaue Evaluation des gesamten Einsatzes auf politischer Ebene: Wo wurden auch früher schon Fehler gemacht, beispielsweise in der Strategie? Der übereilte Abzug war nur der Schlussakkord. Der deutschen Politik fehlt aus meiner Sicht ein echtes strategisches Langzeitdenken. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee, sie tut nur das, was zuvor beschlossen wurde. Die Politiker schulden diesen Menschen die Aufarbeitung dieser 20 Jahre.“

Wie geht es den Soldat*innen jetzt, haben sie Abstand gewonnen und konnten sie das Erlebte schon verarbeiten?
Dierks: „Den meisten Beteiligten hier aus der Luftwaffe geht’s gut, sie konnten über das Erlebte reden; Einzelne haben noch daran zu knabbern. Ich muss aber sagen, dass einige Soldat*innen – wie die Fallschirmjäger aus Seedorf – noch mit ganz anderem zu tun hatten. Die haben viel heftigere Dinge gesehen und werden mit den Folgen auch länger zu kämpfen haben. Welche Traumata sich entwickeln, können wir jetzt noch nicht absehen, aber es wird sie geben.“

Es gibt Stimmen, die sagen, es sei alles umsonst gewesen. Was sagen Sie denen?
Dierks: „Da widerspreche ich ganz klar. Denn auch die Taliban werden nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Natürlich verkünden sie jetzt, dass sie zurück sind und das traditionelle Leben wiedereinführen wollen – aber sie können die Zeit nicht zurückdrehen. Die Menschen haben 20 Jahre lang sehen und teilweise erleben können, was freiheitliches Leben bedeutet, wenn Frauen Bildungschancen bekommen, studieren können und so weiter. Es hat sich etwas verändert und das wird Folgen haben. Von daher sage ich meinen Soldat*innen immer: Der Einsatz war nicht wirkungslos.“ 

Werden die Menschen in Afghanistan nicht das Vertrauen in westliche Organisationen verlieren?
Dierks: „Afghanistan ist ein sehr heterogenes Land mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen – wie die im Einzelnen zur Bundeswehr oder überhaupt zum Westen stehen, kann ganz unterschiedlich sein. Und die Taliban: Spätestens, wenn sie die Bevölkerung nicht mehr ernähren können, werden sie westliche Hilfe annehmen müssen.“

Was bedeuten diese Erfahrungen für künftige Einsätze?
Dierks: „Jeden Einsatz muss man natürlich für sich betrachten, in Mali zum Beispiel ist die Ausgangslage eine ganz andere, die geopolitische Situation, der religiöse Konflikt. Ich denke, Afghanistan war ein großes Feld der internationalen Zusammenarbeit. Und das war gut. Gleichzeitig muss man sehen, dass die Bundeswehr in internationalen Einsätzen oft nur im Hintergrund steht. Das „Schießen und Sterben“ erledigen dann andere Nationen. Die Frage ist, wie lange diese das noch mitmachen.“

Also wird es in kommenden Einsätzen nicht bei Logistik, Brunnenbau und anderen (scheinbar) weniger gefährlichen Aufgaben bleiben?
Dierks: „Ich halte das künftig für schwer durchhaltbar. Aber es geht immer darum, was die Politik beschließt, was die Bundeswehr tun soll. Und dass sie es gut begründet, warum und wofür die Soldat*innen ihr Leben riskieren sollen.“

Christine Warnecke/Themenraum