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Vom Nichtauslöschen und Nichtzerbrechen

Tagesthema 21. August 2021

Andacht zum 12. Sonntag nach Trinitatis

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Ein Fachmann für geknickte Schilfrohre bin ich nicht - schließlich habe ich nicht Biologie studiert, sondern Theologie. Und auch mit glimmenden Kerzendochten habe ich mich bisher nicht eingehender beschäftigt. Aber ich will schon wissen: Wie ist das, so ein geknicktes Rohr zu zerbrechen? Wie löscht man einen glimmenden Docht?

Und darum sind vor dem Schreiben dieser Andacht zwei kleine Experimente dran (ein wenig Praxiswissen schadet nie…): Vom nahen Weiher ist schnell das entsprechende Schilfrohr besorgt und in der Mitte geknickt. Und dann habe ich wirklich sehr intensiv versucht, es genau an dieser Stelle auseinander zu bekommen, es zu zerbrechen. Aber man ahnt es schon: Das ist nahezu unmöglich. Die langen Fasern hielten jedem Versuch stand - im Gegenteil: Je mehr ich an dem Rohr zog, bog und zerrte, um so geschmeidiger wurde das Ganze.

Zweites Experiment: Im dunklen Zimmer Kerze brennen lassen, auspusten, dann versuchen, den noch glimmenden Docht auszulöschen. Aber je mehr ich pustete, desto heller und länger blieben Glut und Rauch, wurden immer wieder angefacht. Und mit einem brennenden Streichholz in der Nähe des Dochts sprang das Feuer wieder über, die Kerzenflamme war wieder entzündet.

Wie gesagt, ich bin kein Fachmann für geknickte Rohre oder glimmende Dochte. Ich bin Fachmann für geknickte Seelen und glimmende Lebensgeister. Und ich bin immer wieder erstaunt und beeindruckt, wieviel Kraft und Ausdauer, wieviel Lebensmut und Widerstand es gibt: Eine Dame, über 100 Jahre alt inzwischen, die lange unter ihrem Mann gelitten hat, die nie so sein durfte, wie sie wollte sagte mir mal: „Ganz innen drin bin ich eigentlich immer unglücklich.“ Mit Unmengen an Selbstdisziplin und Selbstironie behält sie den Kopf oben, macht Witze, flirtet mit mir, der ich nicht mal halb so alt bin wie sie.

Oder der Mann in meinem Alter, der beim Trauergespräch erzählt: „Liebe und Verständnis, überhaupt das Zeigen von Emotionen, das habe ich bei meinen Eltern nie erfahren, nie gelernt. Dafür gab es jede Menge Schläge, Hausarrest, Gefühlskälte. Das hat mich belastet und leer gemacht. Und irgendwann ist dann darum auch meine Ehe kaputt gegangen. Aber seit Kurzem ist das ein bisschen anders, da verändert sich was. Ich lerne das stückweise von meinen Töchtern: Reden, Liebe. So was eben.“

Es ist gut, dass geknickte Rohre und glimmende Dochte so widerstandsfähig und zäh sind. Und ich bin mir sicher: Gerade in dieser Widerstandsfähigkeit, dieser Zähigkeit, da steckt Gott drin.

Matthias Bochow

Der Bibeltext

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“Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

Jesaja 32,3

Der Autor

Pastor Matthias Bochow