Bursfelde wird zum "Kloster auf Zeit" // Das war 2020 #3

Tagesthema Hannover, 19. August 2021

Im grauen Umhang auf der Suche nach Gott

Sie tragen einen grauen Umhang, Albe genannt, und sind auf der Suche – nach Gott, ihrem Glauben, ihrem Platz im Leben. Zwölf junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 27 lassen sich vom klösterlichen Leben der Benediktinermönche inspirieren, die viele Jahrhunderte im Kloster Bursfelde gelebt haben. Bild: EMA

Indian Summer im Reinhardswald. Wer über den schmalen Waldweg von Dransfeld nach Bursfelde im Landkreis Göttingen fährt, gleitet durch einen herbstlichen Tunnel in leuchtendem Orange-Rot. In dem 40-Seelen-Ort angekommen, öffnet sich der Blick auf stattliche Mauern: das evangelische Kloster Bursfelde, ehemalige Benediktinerabtei aus dem Jahr 1093. Das 300 Hektar große Klostergut mit seiner romanischen Kirche ist an diesem Wochenende fest in der Hand von zwölf jungen Menschen im Alter zwischen 18 und 27 Jahren.

Sie sind aus vielen Orten Deutschlands ins Weserbergland gekommen. Neun Monate bilden sie eine Gemeinschaft, eine ökumenische „Kommunität auf Zeit“. Sie möchten Kraft schöpfen aus der Spiritualität des Klosters. Gemeinsam beten sie, schweigen, arbeiten, essen, reden, singen und lachen – geeint auf der Suche nach ihrem Glauben im Alltag. Einer von ihnen ist Rumen Grabow.

Der Greifswalder zog nach seinem Abitur ins Wendland, um dort eine Bäckerlehre zu beginnen. „Ich pendelte immer nur zwischen der Arbeit und meinem Zuhause und wusste: Es fehlt etwas. Ich sehne mich danach, mit anderen über tiefere Themen zu sprechen, zum Beispiel über die Frage, wie ich zu Gott stehe“, erzählt der 19-Jährige: „Das Klosterprojekt kam wie gerufen.“

In Kontakt bleiben

Viermal innerhalb der neun Monate kommen die Mitglieder für jeweils drei bis sieben Tage in Bursfelde zusammen. Dazwischen halten sie über Chats, Videotelefonate und soziale Medien Kontakt. Jede Woche sendet reihum einer aus der Gruppe ein Gebet, ein Foto, einen Impuls, der dazu anregt, sich mit den anderen auszutauschen und die klösterlichen Erfahrungen in den Alltag zu integrieren.

Auch Wilko Sieberns findet den Gedanken, sich einer Gemeinschaft zu verpflichten, reizvoll. Der 25-jährige Mathestudent aus Münster sagt: „Es gibt immer mehr Individualisierung. Jeder möchte das größte Stück vom Kuchen. Das ist hier anders. Und das tut gut.“

Finanziert wird das Projekt über Fördergelder des Hauses kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers sowie von der Heinrich-Dammann-Stiftung. Die Teilnehmer müssen einen Eigenbeitrag von 100 Euro leisten.

Drei Durchgänge des Projekts sind gesichert. „Ora et labora“ – Gebete und Gartenarbeit: Die Tage im Kloster sind strukturiert. Um zwölf Uhr versammeln sich alle im Innenhof zum Mittagsgebet. Unter den ausladenden Ästen einer Buche stehen sie im Kreis, in graue Alben gehüllt, die Köpfe gesenkt. Es ist still. Nur ein Brunnen plätschert leise. Dann läuten die Kirchenglocken, und Klaas Grensemanns Stimme erhebt sich zum Gebet.

Nicht gespielt, sondern echte Gemeinschaft

„Es ist toll, was passiert, wenn man diese Albe anzieht“, sagt Anneke Gerken  anschließend mit leuchtenden Augen, „es ist ein eindrucksvolles, irgendwie heiliges Gefühl. Man wächst ein Stück.“ Die 21-jährige Oldenburgerin hat bereits viele Monate einsames Onlinestudium hinter sich. Doch auch ohne Pandemie sei es nicht leicht, Gesprächspartner für das zu finden, was sie bewegt. „Mit meinen Freunden kann ich jedenfalls nicht einfach mal so über Gott und Glauben sprechen.“ Innerhalb von drei Wochen war die „Kommunität auf Zeit“ ausgebucht.

Louis Janik  aus Hannover hat einen Platz bekommen. Der 26-Jährige studiert Theologie und Biologie und freut sich, dass er in Bursfelde praktisch das leben kann, was er im Studium lernt. „Hier bin ich kein Beobachter, hier bin ich mittendrin im Klosterleben“, sagt er. Das bestätigt Grensemann. „Wir spielen hier nicht Kloster, wir sind eine echte Klostergemeinschaft.“

Nach dem Mittagsgebet, die grauen Alben sind ausgezogen, versammeln sich alle im Speisesaal. Stille und Nachdenklichkeit sind fröhlichem Gelächter und Small Talk gewichen. In Jeans und Sweatshirt stehen Wilko, Anneke, Rumen und all die anderen am Büfett und füllen sich ihre Teller mit dampfenden Tortellini.

Am Tisch geht es um die gleichen Themen wie in der Uni-Mensa: um Corona, um die Vor- und Nachteile von Onlinevorlesungen und um die vielleicht wichtigste Frage: Ist das RTL-Dschungelcamp jetzt eigentlich abgesagt? Keiner weiß es so genau, aber alle diskutieren, scherzen, lachen.

SERIE // Das war 2020

Die Serie "Das war 2020" bietet im August und September 2021 an jedem Donnerstag Episoden aus dem Jahresbericht 2020 der Landeskirche Hannovers. Die gedruckte Fassung geht in den kommenden Wochen in die Gemeinden. Das aktuelle sowie die vorangegangenen Themen werden hier ebenfalls als PDF bereitgestellt.

Abt und Konvent

Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Thomas Kaufmann

Seit 1828 wird jeweils ein Professor der Theologischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen zum Abt von Bursfelde berufen. Seit 2016 ist Professor Dr. Dr. h. c. Dr. h. c. Thomas Kaufmann Abt von Bursfelde. Er ist Professor der Theologie im Fach Kirchengeschichte in Göttingen und gilt als einer der international bedeutendsten Reformationsforscher. Der evangelische Theologe erhielt im Jahr 2020 den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), einen der wichtigsten Forschungsförderpreise in Deutschland. Im Jahre 1995 wurde in Bursfelde ein Konvent eingerichtet, dem zurzeit fünfzehn evangelische Professoren aus verschiedenen Fakultäten der Universität Göttingen angehören. Der Konvent trifft sich zweimal im Jahr zu gemeinsamer theologischer Arbeit in Bursfelde und hat bisher zwei Verlautbarungen zu ökumenischen Themen veröffentlicht. Die Existenz des Konventes unterstreicht den Status von Bursfelde als drittes Kloster der Landeskirche und belegt zugleich seine besondere Beziehung zur Universität Göttingen. In seiner Zusammensetzung öffnet sich der Konvent über den binnenkirchlichen Horizont hinaus.