"So stelle ich mir Krieg vor"

Tagesthema 28. Juli 2021

Der Einsatz in den Hochwasser-Gebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat auch erfahrene Kräfte an Grenzen gebracht. Aus Niedersachsen waren rund 1.700 Retter dabei.

Einsätze im Hochwasser sind nichts Neues für Philip Ziemek. Schon oft ist er mit seiner THW-Ortsgruppe ausgerückt, um Sandsäcke zu stapeln oder anderweitig zu helfen. Auch in seiner Heimatstadt Sarstedt bei Hildesheim breitet sich die Leine manchmal bis in die Innenstadt aus. „Doch dass mitten in Deutschland Menschen sterben, das hätte ich nicht für möglich gehalten“, sagt der 45-Jährige, der seit 25 Jahren ehrenamtlich beim Technischen Hilfswerk (THW) arbeitet. Ziemek ist einer von rund 1.700 Helferinnen und Helfern aus Niedersachsen, die in den Katastrophengebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz im Einsatz waren.

Die örtliche Einsatzleitung schickte ihn und seine Kollegen aus Sarstedt, Gifhorn, Lüneburg und Buxtehude in die Kleinstadt Stolberg südöstlich von Aachen. In der Fußgängerzone bot sich ihnen ein Bild des Grauens: Alle Geschäfte waren im Erdgeschoss zerstört. Waren, Möbel und elektrische Geräte waren zu Trümmerhaufen aufgeschichtet, der Straße fehlte der Belag. An einigen Stellen waren so große Löcher im Boden, dass sie den Blick auf die Stromkabel freigaben. Autos lagen auf der Seite oder hatten sich in Bäume verkeilt. „So stelle ich mir Krieg vor“, sagt Philip Ziemek.

Während er bei früheren Hochwasser-Katastrophen der Flut beim langsamen Ansteigen zuschauen konnte, hätten die Wassermassen hier in kürzester Zeit mit ungeheurer Zerstörungskraft alles weggefegt. Bis zu drei Meter hoch sei die Flutwelle durch Stolberg gerauscht.
Die Fachleute vom THW halfen dabei, einsturzgefährdete Gebäude abzusichern, damit die Besitzer weiter den Schlamm herausschippen konnten. Zum Teil hätten die Retter mit herumliegenden Balken provisorische Stützen gebaut, denn Baumaterial habe es natürlich nicht gegeben. „Bei aller Liebe zur Technik: Wir können auch mit einfachsten Mitteln etwas tun“, erzählt der ehrenamtliche Helfer, der ansonsten für eine Versicherung im Außendienst arbeitet. „Da hat sich unsere Ausbildung wirklich mal gelohnt.“ Sein Team habe außerdem für eine Beleuchtung in der Stolberger Innenstadt gesorgt und Handy-Ladestationen zur Verfügung gestellt.

Er sei beeindruckt von der Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit der Bevölkerung gewesen, sagt Ziemek: „Leute, die nichts mehr haben, bieten dir Essen und Trinken an. Das ist schon überwältigend.“ Und immer wieder die Frage: Sarstedt? Wo liegt das denn? „Die Leute waren überrascht, dass wir acht Stunden gefahren sind, um hier freiwillig zu helfen. Und die Buxtehuder sogar zwölf.“ Eine besondere Szene wird Philip Ziemek noch lange in Erinnerung behalten: Eine Bewohnerin aus dem ersten Stock, die glimpflich davongekommen war, spielte für die Retter auf ihrer Querflöte. „Um dich herum brummen die Aggregate und dann erklingt da diese Querflöte. Da habe ich eine Gänsehaut bekommen.“

Der THW'ler ist froh, dass seine Kameraden und er keine Keller auspumpen mussten. Möglicherweise wären sie dort auf Tote gestoßen. „Wir wissen in solchen Fällen schon, wen wir unten reinschicken können und wer lieber oben bleibt.“
Aus einem ähnlichen Grund war Torsten Dannenberg in Euskirchen im Einsatz: als ehrenamtlicher Notfallseelsorger. Der 49-jährige Küster, Friedhofsgärtner und Nebenerwerbslandwirt aus Eilvese bei Hannover hatte ohnehin geplant, mit der Freiwilligen Feuerwehr ins Krisengebiet zu fahren, bis ihn die Anfrage seines evangelischen Kirchenkreises erreichte, ob er den Rettungskräften als Seelsorger zu Seite stehen könne. Wenige Tage zuvor hatten Feuerwehrleute aus Osnabrück Leichen bergen müssen.
„Wir sind im Dunkeln dort angekommen, das war sehr gespenstisch“, erzählt Dannenberg. Noch in derselben Nacht habe sein Team mit der Arbeit begonnen und Parkhäuser und Geschäfte leergepumpt. Der Schock sei groß gewesen, als bei spärlicher Beleuchtung im Modehaus C&A eine Hand von der Rolltreppe hing. „Es war zum Glück nur eine Schaufensterpuppe.“ Auch wenn der Notfallseelsorger, den die Helfer an seiner violetten Weste erkennen konnten, nicht pausenlos Gespräche führen musste: „Die Leute waren froh, dass für den Ernstfall jemand dagewesen wäre“.

Im nahe gelegenen Schleiden mussten die Einsatzkräfte aus der Region Hannover auch kleinere Brände löschen. Die heimische Feuerwehr war unter anderem durch Schäden an ihren Fahrzeugen außer Gefecht gesetzt. Als die Elektrik wieder hergestellt war, fing in manchen Wohnungen das Essen Feuer, das die Menschen noch auf dem Herd stehen hatten. Bei anderen Häusern hingen nackte Kabel von Photovoltaik-Anlagen von der Decke herunter.

Noch seien alle zu sehr mit dem Aufräumen beschäftigt und wollten nicht viel reden. Aber die psychische Anspannung bei den Helfern sei spürbar, sagt Dannenberg. „Wenn man denen in die Augen geschaut hat: die waren fix und fertig.“ Und auch er selbst muss seine Erlebnisse verarbeiten, in Gesprächen mit seiner Ortspastorin und dem Koordinator der Notfallseelsorge. „Diesen speziellen Geruch aus Heizöl und Fäkalien vergisst man nicht so schnell.“

Lothar Veit / epd

Wie können wir helfen, Jens Peter Iven? 3 Fragen an Pressesprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR)

Jens Peter Iven ist Pressesprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Bild: privat

Herr Iven, die Bilder aus den Hochwassergebieten hinterlassen uns erschüttert. Wie können wir aus der Ferne am besten helfen?
Iven: "Aktuell sind Geldspenden eine sehr sinnvolle Hilfe, weil sie es uns ermöglichen variabel und bedarfsgerecht vor Ort so zu helfen, wie die Menschen es jetzt brauchen: In manchen betroffenen Orten sind Häuser und Kirchen schon von Schlamm und Schutt befreit. Da braucht es andere Hilfe als dort, wo noch immer Chaos herrscht – wie zum Beispiel im Ahrtal. Und alle, die im Gebet die Not der von der Katastrophe Betroffenen vor Gott bringen, sind eine Hilfe."

Es sind auch viele Kirchen, Gemeindehäuser oder Kindergärten schwer beschädigt. Was bedeutet dies für das kirchliche Leben?
Iven: "Mancherorts läuft inzwischen ein gemeindlicher Notbetrieb. Da packen viele mit an, damit zum Beispiel gottesdienstliches Leben weitergeht und Menschen praktische Hilfe und Seelsorge bekommen. Anderenorts sieht es noch ganz anders aus. Jetzt müssen auch erst einmal Fachleute die Statik auch von unseren kirchlichen Gebäuden sorgsam prüfen. Angesichts der Vielzahl der Schäden kann das aber noch eine ganze Weile dauern, bis Gemeinden wissen, ob ihre Kirche, ihr Gemeindehaus, ihr Kindergarten noch zu retten sein wird."

Aktuell gibt es viele Spenden- und Hilfsaufrufe, doch die Menschen in den Hochwassergebieten werden noch über eine lange Zeit Hilfe benötigen. Wie könnte eine Langzeit-Unterstützung am besten organisiert werden?
Iven: "Als Evangelische Kirche im Rheinland haben wir eine Hilfe-Börse #kirchehilft helfen eingerichtet, in deren Hintergrund fleißige Menschen Bedarfsmeldungen und passende Hilfeangebote zueinander bringen. Dort sammeln wir auch Angebote, die erst später abgerufen werden können: So könnte beispielsweise eine Kirchengemeinde anbieten, dass sie einer betroffenen rheinischen Gemeinde ein Klavier oder eine Gemeindehaus-Spülmaschine spendet. Beides wird in diesen Tagen natürlich noch nicht gebraucht, aber wenn in ein paar Monaten der Bedarf da ist, würden wir auf ein solches Angebot gerne zurückkommen. Auch Anpack-Patenschaften sind denkbar, um dann zu unterstützen, wenn zur Renovierung oder zum Wiederaufbau Muskelkraft gebraucht wird."