Schulabschluss in der Corona-Zeit

Tagesthema 21. Juli 2021

"Wir können besser mit schweren Situationen umgehen"

„Wir haben das Beste draus gemacht“ – dieses Fazit zieht Malena Gastler, wenn sie auf die letzten eineinhalb Jahre ihrer Schulzeit am Gymnasium Nordhorn zurückblickt. Diese Zeit war von der Corona-Pandemie geprägt – doch deren Auswirkungen spürte sie vor allem jenseits der Schule: Ihr Saxofonunterricht an der Musikschule fiel aus, sie konnte nicht mehr regelmäßig schwimmen gehen und durfte am Nachmittag mal mehrere Freund*innen treffen. Die Abiturvorbereitung hingegen sei durch die Pandemie nur wenig beeinträchtigt worden – auch weil der Abschlussjahrgang weiterhin in die Schule kommen durfte, während andere Schüler*innen im Heim- oder Wechselunterricht waren: „Der Präsenzunterricht hat mich viel mehr zum Lernen motiviert“, sagt Malena. „Und für mich war es immer ein Highlight des Tages, meine Schulfreunde zu sehen.“ Mit dem Verein Aktion Sühnezeichen Friedensdienste absolviert sie nach dem Abitur einen Freiwilligendienst in Griechenland.

„Natürlich ist es nicht das Jahr, was wir uns als Abschlussjahrgang gewünscht haben“, sagt auch Malenas Mitschüler Kevin Wiesner, der bald ein duales Informatik-Studium beginnt. Auch er spürte die Corona-Folgen am meisten außerhalb der Schule: Kevins Gitarrenlehrer stellte den Unterricht schnell auf ein digitales Format um, sein Karateverein tat das lange nicht. Besonders habe er gemeinsame Freizeit-Unternehmungen mit dem Jahrgang vermisst, sagt Kevin. Einen Abistreich konnte der Jahrgang nicht feiern, gemeinsame Partys fielen aus. Das Lernen unter Corona-Bedingungen sei ihnen aber nicht schwerer als vorher gefallen, sind sich Kevin und Malena einig. Auch in ihrem Jahrgang habe niemand durch Corona-Folgen den Anschluss an den Stoff verpasst. Immerhin: Einen Ball und eine Abschlussfeier konnten sie mit ihren 54 Mitabiturient*innen dank niedriger Inzidenzen noch feiern.

"Mir fiel der Wechselunterricht leichter"

Während Kevin und Malena ihr Abiturzeugnis in den Händen halten, arbeitet Mailin Gösser darauf nach den Sommerferien hin. Sie hat gerade den erweiterten Realschulabschluss an der Evangelischen IGS Wunstorf erreicht – und den Großteil ihres Abschlussjahrs im Wechselunterricht erlebt. „Mir ist der Wechselunterricht leichter gefallen als den meisten anderen“, sagt sie. Jedoch hätten ihre Lehrkräfte sich sehr engagiert, die Schüler*innen gut zu betreuen. „Sie sind immer auf uns zugekommen“, lobt Mailin. Sie bedauere besonders, dass der Abschlussball und die Abschlussfahrten pandemiebedingt ausfallen mussten: „Darauf hatte ich mich während meiner gesamten Schulzeit gefreut.“ Von 130 Schüler*innen aus ihrem Jahrgang strebt rund die Hälfte das Abitur an. Dafür müsse ihr Jahrgang durch Corona sicher einiges aufholen. „Aber das wissen die Lehrkräfte ja auch.“

Präsenzunterricht ist ein "Privileg"

Mette Wiedenhöft Foto: Klenke

Die Abiturient*innen an Mailins Schule durften dagegen wie am Evangelischen Gymnasium Nordhorn nach dem ersten Lockdown zum Präsenzunterricht in die IGS kommen. „Das sehe ich als großes Privileg an“, sagt Abiturientin Mette Wiedenhöft. Auch vor Ort hätten die Lehrkräfte den Jahrgang regelmäßig gefragt, wie die Jugendlichen mit der Situation zurechtkämen. „Darüber konnten wir uns ziemlich offen unterhalten.“ Wegen der Pandemie musste sich Mette gegen ihren ursprünglichen Wunsch entschieden, als Au-pair nach Südafrika zu gehen. Doch das sei in Ordnung – und vielleicht für später eine Option. Jetzt studiert sie bald Soziale Arbeit in Hannover. „Darauf freue ich mich wirklich sehr.“

Freiwilligendienst statt Ausbildungsstart

Mettes Mitabiturient Niklas Gereke musste seine Pläne für die Zeit nach dem Abitur auch spontan noch einmal anpassen: Er hatte sich bei der Polizei beworben, dort dauerte das Auswahlverfahren aufgrund der Pandemie länger als sonst. Dann erhielt er eine Absage. Jetzt bereitet er sich für die Polizeiprüfung im kommenden Jahr vor und absolviert vorher einen Freiwilligendienst bei der Stadt Burgdorf im Bereich Feuerwehr und Brandschutz. Die Pandemie habe ihm zwischenzeitlich die Motivation genommen, für die Schule zu arbeiten, sagt er. Anfangs habe ihm auch die öffentliche Diskussion um die Frage Sorgen bereitet, ob die Abschlüsse aufgrund einiger Erleichterungen nun als weniger wertvoll angesehen würden: „Da hat uns aber ein Lehrer die Angst genommen.“ Zum einen seien die Änderungen an den Prüfungen angemessen gewesen, sagt Kevin – und zum anderen brächten Jugendliche mit Corona-Abschluss auch besondere Fähigkeiten mit: „Wir sind flexibler und können besser mit schweren Situationen umgehen.“

Konstantin Klenke

"Schule muss sich nach Corona verändern"

Dr. Gabriele Obst, Schulleiterin des Evangelischen Gymnasiums Nordhorn findet, dass die negativen Corona-Folgen für die Abschlussjahrgänge dank Präsenzunterricht weniger stark zu spüren waren. Viele Abiturient*innen hätten es genossen, in die Schule zu kommen: „Die Schule war der soziale Ort.“ Das Abitur falle in diesem Jahr extrem gut aus – „und das nicht, weil es leichter war.“ Viele Schüler*innen hätten schlicht mehr dafür gelernt.

Mit Blick auf die Corona-Situation kritisiert Obst auch, zu oft stünden Defizite im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte – statt der vielen erworbenen Kompetenzen. Dabei komme es auch auf solche Kompetenzen an und nicht nur darauf, ob alle Kurse den Stoff schaffen. „Schule muss sich nach Corona verändern. Wir sollten nicht so tun, als hätten wir die Erfahrungen nicht gemacht“, fordert sie. Unterricht in kleineren Gruppen, individuellere Ersatzleistungen anstelle von Klassenarbeiten, Projektarbeiten zu Hause statt Präsenzunterricht – Angebote wie diese wolle ihre Schule nach Corona weiterdenken und Schüler*innen anbieten, „für die das das Richtige ist“. Zwar habe die Pandemie Ungleichheiten im Bildungssystem offengelegt, sagt sie. „Aber die unglaubliche Bildungsungerechtigkeit in unserem Land haben wir nicht erst seit Corona.“

Ihr Gymnasium habe während der Pandemie immer wieder auf die Erfahrungen mit den verschiedenen Unterrichtsmodellen reagiert – und je nach Altersgruppe Routinen für die Kinder und Jugendlichen geschaffen. Gerade bei den Jüngeren wüchsen sich die Corona-Probleme „raus“, prognostiziert Obst. Für den aktuellen zwölften Jahrgang werde es allerdings besonders schwierig. Dieser verbrachte die meiste Zeit im Heimunterricht. Sie hoffe, dass es auch für diesen Jahrgang zumindest mehr Auswahlmöglichkeiten im Abitur gebe. Für den aktuellen Abiturjahrgang ihrer Schule hat auch sie schönen Abschlussfeierlichkeiten entgegengefiebert: „In meinem Leistungskurs habe ich mir als Erste mein Abiball-Kleid gekauft.“

Konstantin Klenke