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"Die Jugendarbeit ist in einer prekären Situation"

Tagesthema 20. Mai 2021
Sophie Kellner ist neue Vorsitzende der Landesjugendkammer.

Frau Kellner, herzlichen Glückwunsch zur Wahl. Wie sind Sie auf diesen politischen Weg gekommen?
Kellner: „Die evangelische Jugend war immer meine Heimat. Egal, was auch war, ich konnte dort immer hinkommen und wurde akzeptiert, wie ich bin. Dabei war ich bis zu meiner Konfer-Zeit abgesehen von Weihnachten nie in der Kirche. Aber der Konfer-Unterricht hat mir sehr gefallen und ich habe eine sehr engagierte Diakonin gehabt, die wirklich gute Arbeit machte. Da bin ich dann richtig drin aufgegangen und war glücklich, so war es auch überhaupt keine Frage, dass ich Teamerin wurde und dann im Kirchenkreisjugendkonvent mich zur Wahl in den Sprengeljugendkonvent und schließlich dort in die Landesjugendkammer aufstellen ließ.“

Was ist Ihr Ziel für die drei Jahre in der Landesjugendkammer?
Kellner: „Ich möchte, dass wir bunter, offener und inklusiver werden. Das fängt damit an, dass es Rückzugsorte bei Veranstaltungen geben sollte, in denen man einfach mal seine Ruhe hat. Oder, dass Erlässe und Verordnungen verständlich geschrieben sind. Und dass leitende Personen ansprechbar sind - dass ich überhaupt weiß, wer wofür zuständig ist und wie ich den- oder diejenige erreichen kann. Dass es Schutzkonzepte für Kinder und Jugendliche gibt, flächendeckend. Und dass wir wegkommen von einem Denken in Gemeindestrukturen. Wir laufen im Vorstand da im Moment einen Marathon auf einem Drahtseil. In den letzten fünf Tagen habe ich 40 Stunden allein für dieses Ehrenamt gearbeitet – und hatte davon schon einen Tag komplett für die Uni freigehalten.“

Sie haben schon ein Jahr Corona erlebt und übernehmen den Vorsitz zu einer sicherlich nicht einfachen Zeit. Wie nehmen Sie die Situation für Kinder und Jugendliche aktuell wahr?
Kellner: „Die Jugendarbeit ist in einer prekären Situation. Natürlich erkennen wir alle den Grund, warum wir uns einschränken müssen – es ist aber nicht fair, dass das von uns jungen Menschen so vollumfänglich verlangt wird. Ein Beispiel: Es gibt zwar das Recht auf Jugendarbeit, die ist besonders geschützt. Aber praktisch gibt es doch viele Bedingungen, die es schwer machen und auch nicht sinnvoll sind. Zum Beispiel, dass wir nirgends übernachten dürfen. So entfällt durch das tägliche An- und Abreisen viel Vorbereitungszeit – und welchen Sinn hat es eigentlich, dass wir über mehrere Tage zwar immer wieder zusammenkommen dürfen, mit Abstand und Hygienemaßnahmen – aber dann jeden Abend wieder nach Hause fahren, in der Bahn sitzen und WG-Mitglieder oder die Familie treffen - anstatt für diese Tage eine eigene Blase zu bilden und zusammenzubleiben? Und wir werden wahrscheinlich die Letzten sein, die sich wieder frei bewegen können – denn gerade erst kam die Meldung, dass womöglich bald Jugendliche ab 12 Jahren geimpft werden können. Millionen Menschen wurden bisher überhaupt nicht mitgedacht. Ich finde das unfassbar.“ 

Kinder und Jugendliche werden also unverhältnismäßig stark eingeschränkt?
Kellner: „Ja. Neulich habe ich den Begriff gehört „ewige Solidaritäts-Einbahnstraße“. Das trifft es in meinen Augen absolut: Von den jungen Menschen wurde als erstes verlangt, zurückzustecken und es wurde verallgemeinert gesagt, sie seien zum Beispiel mit Partys ein Infektionstreiber. Zur Schule konnten wir lange nicht gehen, zur Arbeit konnten die Erwachsenen immer, das stand nie in Rede. Junge Menschen wurde dauerhaft negativ assoziiert, wie etwas, das man bändigen muss. Und: in den Gremien, die über die Maßnahmen entscheiden, sind junge Menschen nicht vertreten! Übrigens auch in der Taskforce der Landeskirche nicht.“ 

Welche Folgen wird die Corona-Zeit für Kinder und Jugendliche haben?
Kellner: „Junge Menschen sind in einer wichtigen Entwicklungsphase, sie suchen danach, sich auszutauschen, lernen, sie zu organisieren und sind dabei angewiesen auf den öffentlichen Raum. In der Schule gibt es den Druck, gute Noten bringen und einen guten Abschluss machen zu müssen, denn „sonst wirst du ja nichts“. Wenn jetzt noch der Ausgleich dazu fehlt, zum Beispiel das Fußballtraining oder der Chor, dann ist das dramatisch. Welche Folgen die Isolation haben wird, können wir noch gar nicht absehen. Es gibt schon Studien, die das andeuten; etwa, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Problemen zunimmt oder die Zahl der Schulabbrechenden etwa dreimal so hoch sein wird. Zu manchen Kindern und Jugendlichen verlieren Teamende auch den Kontakt, besonders zu denen, die am Anfang standen. Probleme sind auf Distanz einfach weniger gut wahrzunehmen, in einer Zoom-Konferenz mit 20 Leuten lässt sich kaum wahrnehmen, wie es dem Einzelnen geht.“ 

Viele Jugendgruppen planen für den Sommer Freizeiten. Wird das die Rettung?
Kellner: „Wir rechnen damit, dass alle Kinder und Jugendlichen im Sommer (bei hoffentlich stattfindenden) Freizeiten Seelsorge-Bedarf haben werden. Nicht nur einer oder zwei je Gruppe – sondern alle. Jede und Jeder spürt die Folgen der Isolation. Deswegen sind wir dabei, die Ehrenamtlichen noch besser zu schulen, als sie das ohnehin schon sind, auf diese Pandemiefolgen hin. Es ist ganz wichtig, dass nach eineinhalb Jahren die jungen Menschen wieder als solche wahrgenommen werden. Jede Veranstaltung und Freizeit, die stattfindet, ist deshalb unglaublich wichtig, um es ein wenig abzufedern.“ 

Schauen wir allgemeiner auf die Nachwuchsfrage: Denken Sie, durch Corona wird es künftig an jungen Menschen in der Kirche fehlen?
Kellner: „Sicherlich werden da Menschen fehlen. Wer nie eine Freizeit erlebt hat, wird kaum als Teamender mitfahren. Aber insgesamt glaube ich nicht, dass Kirche keine Chance hat, Nachwuchs zu finden. Wenn man den demografischen Wandel aus den Statistiken herausrechnet, stehen wir weiterhin gut da. Und wenn Kinder- und Jugendarbeit nicht beschnitten wird, sondern ein Schwerpunkt kirchlicher Arbeit bleibt, haben wir gute Chancen. Kirche hat eigentlich das krasseste Angebot.“

Tatsächlich?
Kellner: „Ja – wo sonst bekommt man so viele Angebote zur Orientation, zum Austausch, Gelegenheit, sich mit sich selbst zu beschäftigen und auch einzubringen? Das Problem ist häufig, dass das von außen nicht so wahr- oder ernstgenommen wird. Und dann die Lücke nach der Jugend.“

Was meinen Sie damit?
Kellner: „Früher mag es gepasst haben, da war man in der Jugend, konnte bis in seine 20er mitmachen und dann hielt man den Kontakt, weil vielleicht die Kinder in die kirchliche Kita gingen oder so. Aber jetzt ziehen viele zum Studieren weg und kriegen später Kinder, da reißt der Kontakt zur Heimatgemeinde ab. Womöglich steigt man dann mit 40, 50 wieder irgendwo ein, aber dazwischen gibt es keine Angebote. Da würde es zum Beispiel helfen, nicht mehr in festen Gemeinde-Strukturen zu denken, sondern großflächiger und die Zielgruppe der 25- bis 35-Jährigen gezielt in den Blick zu nehmen.“

Christine Warnecke/Themenraum