Der ÖKT 2021: dezentral auch in Niedersachsen

Tagesthema 12. Mai 2021
Das Ehepaar Westphal wird digital beim Ökumenischen Kirchentag dabei sein. Bild: epd

„Digital ist ja nicht so meins“, sagt Kerstine Westphal. Und doch wollen sie und ihr Mann Albrecht von Donnerstag an einen Großteil ihrer Zeit vor dem Computer verbringen und sich durchs Programm des Ökumenischen Kirchentags (ÖKT) klicken. Dafür haben sie schonmal zwei bequeme Stühle ins Arbeitszimmer gestellt und sich handschriftliche Notizen zu den Veranstaltungen gemacht.

Albrecht (82) und Kerstine Westphal (72) aus Hildesheim haben zuletzt 2015 in Stuttgart aktiv am Evangelischen Kirchentag teilgenommen. „Weil es so heiß war, waren wir überwiegend in Hallen mit Klimaanlage unterwegs“, sagt der ehemalige Superintendent. „Und Papphocker sind für den Rücken auch nicht mehr so das Wahre.“
Albrecht Westphals Geschichte mit dem Kirchentag beginnt im elterlichen Pfarrhaus, mit zehn Jahren. Aber erst 1973 in Düsseldorf war es um ihn geschehen. Die erste liturgische Nacht, die neue Musik von Peter Janssens und Co., „es wurde getanzt und gesungen“. In der Halle hing irgendwo ein Telefon, Westphal rief eine Freundin an und hielt den Hörer hoch: „Hör mal, das glaubst Du nicht!“

Schon sein Vater war 1949 beseelt von der Deutschen Evangelischen Woche in Hannover zurückgekehrt, die heute als erster Kirchentag gilt. 1967 war das Christentreffen erneut in Hannover zu Gast, Albrecht Westphal arbeitete als junger Pastor in Munster. Mit seinem VW Käfer fuhr er zur Schlussveranstaltung, die im nur halb gefüllten Niedersachsenstadion stattfand. Seine Versuche, etwas von der Kirchentagskultur in die Gemeinde hinüberzuretten, waren ernüchternd. Nachdem er das moderne Vaterunser-Lied „nach einem westindischen Calypso“ im Gottesdienst hatte singen lassen, ging der Kirchenmusiker der Gemeinde auf die Barrikaden. Heute steht das Lied unter Nummer 188 im Stammteil des Evangelischen Gesangbuchs.

Logo ÖKT 2021

1973 war Westphal Pastor in Bremerhaven und frisch verheiratet mit der Lehrerin Kerstine. Weil ein Kollege den Reisebus nach Düsseldorf nicht vollbekam, fuhr das junge Ehepaar mit. Sie waren fasziniert von vielem, was Kirchentage heute noch ausmacht: die moderne Musik, die Begegnung mit Spitzenpolitikern, Bibelarbeiten mit prominenten Theologen wie Jörg Zink oder Wolfgang Huber.

Als 1983, wiederum in Hannover, der Nato-Doppelbeschluss kritisch diskutiert wurde und viele Kirchentagsbesucher sich mit ihren lila Halstüchern für „ein Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen“ aussprachen, hieß es, der Kirchentag sei kommunistisch unterwandert. „Dabei hatten wir unsere eigene Überzeugung“, sagt Westphal. Für ihn sei es eine bahnbrechende Erfahrung gewesen, dass „Glaube und politische Wachheit zusammengehen können“.

Wer einmal von der Kirchentags-Atmosphäre begeistert ist, erzählt es weiter. Auf diese Weise erfuhr Bernd Wenko aus Schwanewede bei Bremen davon. „Ich konnte das nicht glauben und wollte es selbst erleben“, sagt der heute 31-jährige Erzieher, der erstmals 2007 in Köln dabei war - als Helfer mit seinem Bremer Pfadfinderstamm „Konsul Hackfeld“. Inzwischen hat er sich zum Hallenleiter „hochgearbeitet“, in Berlin 2017 war er für gleich drei zusammenhängende Messehallen verantwortlich. Natürlich hätte Bernd Wenko sich auch in Frankfurt auf ein Wiedersehen mit anderen Helfern gefreut: „Man trifft sich nur alle zwei Jahre, aber es ist, als hätte man sich gestern zuletzt gesehen. Das werde ich dieses Jahr ganz dolle vermissen.“

Für die Rentnerin Kerstine Westphal bedeutet Kirchentag, „dass dort Themen angepackt werden, die zur Lebensmelodie dazugehören“. Friedensarbeit, nachhaltiges Wirtschaften, Bewahrung der Schöpfung - das waren damals die Schlagwörter. Sie schaut auf ihren Merkzettel für den digitalen ÖKT: „Irgendwie traurig, dass uns das alles heute immer noch beschäftigt.“ Eine Veranstaltung ist deshalb für die 72-Jährige Pflicht: der Workshop „Welt retten für Anfänger*innen“.

Lothar Veit/epd

Dezentrale Aktionen in Niedersachsen

Wenn die Fahrt zum ÖKT in Frankfurt ausfällt, kommt der ÖKT eben zu den Jugendlichen: Viele Gemeinden bieten ab Donnerstag Aktionen an. So auch in Aerzen: Julia Aschenbach lädt am Freitag und Samstag unter dem Motto „Du hast die Fäden in der Hand“ zu einer Bauaktion für Kinder von 6 bis 12 Jahren ein. 
„Die Förderung des handwerklichen Geschicks kommt in der Pandemie zu kurz, die Schulen konzentrieren sich auf andere Fächer“, sagt die angehende Diakonin, die im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont arbeitet. „Außerdem sind reale Kontakte wichtig, vielen fällt zu Hause die Decke auf den Kopf.“ Viele Jugendliche aus Aerzen und dem Kirchenkreis hatten sich auf die Fahrt nach Frankfurt zum Kirchentag gefreut, für Julia Aschenbach sollte es der fünfte sein. Die Aerzener Pfadfinder*innen vom VCP-Stamm „Eversteiner Löwe“ wären mit einer Helfer*innengruppe am Start gewesen. Nun bieten sie Spiele und mehr im offenen Pfarrgarten an, auch ein Lagerfeuer soll natürlich flackern. Am Freitagabend ab 18.30 Uhr gibt es im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont zeitgleich drei Jugendgottesdienste, einen davon in Aerzen – und per Livestream bei YouTube.

Dezentrale Aktionen - Aurich

Wenn der ÖKT nicht ins Netz verlagert worden wäre, hätte es den Ökumenischen Jugendkirchentag in Aurich an diesem Samstag nicht gegeben. „Wir wollten etwas für Jugendliche machen und es sollte nichts Digitales sein“, sagt Christine Kruse, Kirchenkreisjugendwartin. „Das haben sie ja die ganze Zeit.“
Im Mittelpunkt steht eine Stationenrallye mit der App „Actionbound“ im Freien zum Thema Religionen. Entwickelt hat sie Christine Kruse gemeinsam mit Samuel Österle vom CVJM Aurich und einer Mitarbeiterin der Freien Evangelischen Gemeinde. Weitere Partner des Jugendkirchentages sind die Katholische Jugend und der Auricher Weltladen. Los geht’s um 10.30 Uhr in der Lamberti-Kirche, zum Abschluss um 16 Uhr gibt es dort einen Jugendgottesdienst. Statt einer Predigt werden kurze Videos gezeigt: Jugendliche beschreiben darin, was das Motto „Schaut hin!“ für sie bedeutet. Kurzfristige Anmeldungen unter: www.kjd-aurich.de
 

Dezentrale Aktionen - Frenswegen

Mit der eigenen Band beim Kirchentag spielen – das gehört zu den großartigsten Erfahrungen vieler junger Musiker*innen. Die neugegründete Band „FRIENDSwegen“ wollte es in Frankfurt erleben und einen Jugendgottesdienst begleiten, berichtet die kirchentagserfahrene Sängerin Melanie Berends. Die 35-Jährige war zum ersten Mal 2003 beim Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) in Berlin dabei, danach unter anderem als Praktikantin in der Kirchentagsgeschäftsstelle, als Harte-Kern-Helferin und als Leiterin der Marketing-Abteilung. Auch ihren Mann hat sie beim Kirchentag kennengelernt – mehr geht kaum.
Als der Frankfurter ÖKT dazu aufrief, digital und dezentral mitzufeiern, begann ein Team von rund 30 Personen, Veranstaltungen für das Ökumenische Kloster Frenswegen in Nordhorn zu planen. „FRIENDSwegen“ heißt nicht nur die Band, sondern ein ganzes Netzwerk. Per Instagram und Facebook wirbt das Team für einen digitalen Poetry Slam, eine Musikchallenge und einen Jugendgottesdienst, der am Samstag um 19 Uhr im Innenhof des Klosters Frenswegen gefeiert und per Livestream bei YouTube gezeigt werden soll. Pastor Ulrich Hirndorf ist überzeugt: „Wenn dezentral ökumenischer ÖKT, dann vor allem am Kloster Frenswegen. Alles andere wäre sinnfrei!“.