"Wir in Niedersachsen vergessen euch nicht!"

Tagesthema 24. April 2021

"Wer ins Herz getroffen ist, bleibt dabei" - 35 Jahre nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl engagieren sich weiter Menschen für Betroffene in Belarus

Maksim, Mascha und Lera kommen aus dem atomarversuchten Gebiet.

Barbara Koll steigt in den ersten Stock der ehemaligen Villa am Rande des niedersächsischen Heidestädtchens Soltau. Sie öffnet die Tür zu einem der Zimmer. Gleich mehrere Betten stehen bereit - nagelneu, die Matratzen noch in Folie verpackt. "Eigentlich hätte hier bald das Leben getobt", sagt die 64-Jährige. Doch die Kinder aus der Gomel-Region können erst einmal nicht in die "Heidenhof Villa" kommen.
"Wir hoffen auf Herbst", sagt Koll, die derzeit reichen Mailkontakt nach Belarus pflegt. Sie engagiert sich seit Jahrzehnten in der Hilfe für Tschernobylkinder. Da findet der Kontakt in Corona-Zeiten neue Wege, auch wenn es nur die zweitbesten sind. "Wer ins Herz getroffen ist, bleibt dabei", sagt sie.

Am 26. April 1986 ereignete sich im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ein schwerwiegender Unfall. Die radioaktive Stoffe gingen zu etwa 70 Prozent über Belarus nieder. Noch nach 35 Jahren ist Tschernobyl auch für viele Deutsche das Symbol für die atomare Katastrophe schlechthin. Mit der Öffnung des "Eisernen Vorhangs" begann in den Folgejahren zugleich ein Engagement, das nach dem "Kalten Krieg" Ost und West verband. Initiativen unter anderem in den USA, Italien, Japan und Deutschland organisierten Hilfen für die Opfer von Tschernobyl.

Barbara Koll in einem der Zimmer, die frisch für Kinder aus Gomel hergerichtet wurden. Bild: Karen Miether/epd

"Hunderte Gruppen haben in Deutschland Hunderttausende Kinder eingeladen", sagt Lars Torsten Nolte, der die Aktion der hannoverschen Landeskirche koordiniert. Beim ersten Mal empfing die evangelische Landeskirche 1991 rund 1.100 Kinder und ihre Begleiter zu Ferienwochen abseits ihrer strahlenverseuchten Heimat. Rund 30.000 jungen Gästen wurde seitdem ein Aufenthalt in deutschen Gastfamilien oder Freizeiteinrichtungen ermöglicht. Die Pandemie macht dies schon im zweiten Jahr unmöglich.

Zwar will die Landeskirche rund 150 Mädchen und Jungen aus der stark betroffenen Gomel Region eine Erholungszeit im eigenen Land ermöglichen. Dennoch könnte die Zäsur verstärken, was bundesweit bereits seit langem gilt. "Über die Jahrzehnte ist das Engagement vielerorts zurückgegangen oder ganz eingeschlafen", sagt Nolte. Viele der bisherigen Gastgeber seien im Großelternalter und Nachwuchs schwer zu finden, da heute oft beide Partner berufstätig sind. "Prognosen zu treffen, wie es weitergeht, fällt schwer."

Die Tschernobyl-Hilfe hat Lebenswege geprägt

Paul Koch hat Fotos und Bildtafeln von alten Ausstellungen hervorgeholt. Sie dokumentieren unter anderem Besuche des heute 73-Jaehrigen in der Sperrzone um das havarierte Atomkraftwerk von Tschernobyl und in Kliniken. epd-bild/Peter Sierigk

Bei manchen allerdings, die sich seit wie Barbara Koll von Beginn an engagieren, hat die Tschernobylhilfe Lebenswege geprägt. Der frühere Sozialdiakon Paul Koch aus Schöppenstedt ist zum Mahner vor den Gefahren der Atomkraft geworden. Zuletzt haben er und andere, das eine Petition an das Bundesamt für Strahlenschutz geschickt. Sie kritisieren, dass die Behörde es nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima 2011 für denkbar hält, dennoch Wettkämpfe der olympischen Spiele dort stattfinden zu lassen. "Das kann doch nicht wahr sein!", empört sich der 73-Jährige.

Koch kramt Fotos hervor, auf denen er bärtig mit schwarzem Anzug vor einer Gruppe von Kindern in Trachtenkleidung in der Kirche steht. Anfang der 1990er Jahre gehörte auch er zu den Organisatoren erster Erholungsferien. "Das halbe Leben habe ich mich damit beschäftigt", sagt er. "In verschiedenen Aktionsformen."

Auf seine Initiative hin hätte zuletzt eine Wanderausstellung mit Werken regimekritischer belarussischerer Künstler nach Braunschweig kommen sollen. Auch Veranstaltungen, die er in den "Europäischen Aktionswochen für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima" in der Region organisiert, müssen gerade pausieren. Dass insgesamt das Thema aus dem Blick rückt, bedauert Koch. Denn die Katastrophe wirke fort. Er selbst will nicht nachlassen. "Es ist ein Kampf 'David gegen Goliath' - wir Christen wissen, dass hin und wieder auch der kleine David siegt", sagt Koch und fügt an. "Dabei geht es nicht um Sieg, sondern um die Gesundheit der Menschen und der nachfolgenden Generationen."

Barbara Koll setzt sich für Kinder aus atmorverseuchten Gebieten ein. Bild: epd-bild/KarenMiether

Auch Barbara Koll hat Zukunftspläne. Seit vielen Jahren organisiert sie maßgeblich die Ferienlager für Kinder vor allem aus Belarus und der Ukraine im "Heidenhof" der Renate Szlovak Stiftung. Gerade wird die Villa mit Park und Spielplatz renoviert. Da ist die 64-Jährige aus dem benachbarten Schneverdingen häufig vor Ort. Gerne würde sie eine Jahrespraktikantin aus Belarus engagieren, um jüngere Unterstützung zu haben. "Wichtig sind die persönlichen Kontakte", betont sie. Dann könnten Freundschaften entstehen, wie ihre mit der Dolmetscherin Tatjana Dudarenko aus einem Dorf in der Gomelregion, deren jüngste Tochter ihr Patenkind ist. "Wir können uns gerade nicht sehen, aber ich denke mich zu ihr."

Karen Miether/epd

Gedenken der Opfer

Die niedersächsische Landtagspräsidentin Gabriele Andretta (SPD) und der hannoversche Landesbischof Ralf Meister haben gemeinsam an die Opfer der atomaren Katastrophe von Tschernobyl vor 35 Jahren erinnert. Sie würdigten in einer Andacht in der evangelischen Marktkirche in Hannover den jahrzehntelangen ehrenamtlichen Einsatz zahlreicher Aktiver aus Niedersachsen für die gesundheitliche Erholung junger Menschen aus Belarus und die Verbesserung der medizinischen Versorgung vor Ort.

Andretta mahnte, die Menschen in Tschernobyl nicht zu vergessen: "Denn die Katastrophe ist nicht vorbei: Noch immer sterben Menschen an den Folgen der Verstrahlung und ein Ende ist nicht absehbar." Sie bräuchten körperliche und seelische Begleitung - manchmal auch palliative. Denn die Zahl der Krebserkrankungen in den betroffenen Gebieten sei weiterhin hoch. Viele Familien vermissten nach wie vor wirtschaftliche Sicherheit. Außerdem sei der Frieden in der politisch wie militärisch angespannten Region ist brüchig.

"Die Träume, mit denen die erste Generation der Kinder von Tschernobyl nach Hause zurückkehrten, sind daher noch nicht erfüllt", sagte die Landtagspräsidentin. Sie hoffe, dass die Brücken der Hoffnung zwischen Ost und West in Zukunft andere sein werden als vor 30 Jahren. "Sie bleiben unverzichtbar. Bauen wir sie gemeinsam auf den Fundamenten der Nächstenliebe, der Zuversicht und des Vertrauens. Auch nach 35 Jahren ist unsere Botschaft: Opfer von Tschernobyl - wir in Niedersachsen vergessen Euch nicht", betonte Andretta.

Landesbischof Ralf Meister sagte, Tschernobyl sei ein Teil der Menschheitsgeschichte geworden. "Diese Katastrophe wird unser Leben überdauern." Mit der Reaktorkatastrophe sei die menschliche Hoffnung zerfallen, dass mit wissenschaftlicher Vernunft allein eine gute Zukunft garantiert sein könnte. Doch zu den großen sozialen Gesten, die aus dem Unglück entstanden seien, gehöre dir persönliche Gastfreundschaft für Kinder aus der Region. Meister dankte allen Gastgebern und Gastgeberinnen durch die Jahrzehnte.

In der Andacht wurde auch das Triptychon "Stiller Wandel" des Malers Hermann Buß aus Leer präsentiert. Der Künstler besuchte mehrfach die Sperrzone um den Katastrophen-Reaktor und verarbeitete seine Eindrücke in dem Bilderzyklus "Polessje-Elegie", aus dem auch das Gemälde stammt Es zeigt das Verschwinden eines Hauses in der Sperrzone und macht so auf die weder sichtbare noch greifbare Strahlung in der Sperrzone aufmerksam.

epd Niedersachsen-Bremen