Bild: Rene Schindler/pixabay.com

Trotziges Trotzdem-Hoffen

Tagesthema 20. März 2021

Andacht zum Sonntag Judika ("Schaffe (mir) Recht")

Bild: Rene Schindler/pixabay.com

Wenn meine Tochter etwas genau wissen möchte, fragt sie immer weiter: „Weil…?!“ Wenn es gut läuft, ist sie irgendwann mit meinen Erklärungen zufrieden. Wenn es weniger gut läuft, rettet mich Freund Google. Und wenn es schlecht läuft und ich gar nicht mehr weiter weiß, antworte ich nur noch: „Weil es so ist“.

„Weil es so ist“, ist keine Erklärung und ergibt keinen Sinn. „Weil es so ist“, ist Kapitulation. Jedenfalls fühlt es sich in solchen Momenten so an und zufrieden ist meine Tochter auch nicht.

Warum? Weil…?!

Wir Menschen sind Sinnsucher – im Großen wie im Kleinen. Wir wollen, ja müssen verstehen und wenn sich kein Verständnis, kein Sinn einstellt, ist das schwer erträglich. Besonders, wenn das eigene Leben in den Finger zerrinnt und ich machtlose Zuschauerin im eigenen Leben werde. Ohne Sinn. Ohne Grund. Wider alle Vernunft und Spielregeln: Warum?

Einer, der diese Frage geschrien, geklagt, gestritten hat, war Hiob: gerechter, frommer Mann, tadelloses Leben vor Gott und seinen Mitmenschen. Ihn trifft das Unglück mit voller Wucht. Hiob verliert alles was ihm lieb und teuer ist: erst Hab und Gut, dann seine Kinder und Gesundheit. Deswegen klagt Hiob an, schreit und streitet. Für sein Recht, für sein Leben. Für seinen Sinn und auch für seinen Gott.  
Hiob ringt mit Gott gegen Gott – für und um seinen Gott: Mein Gott, mein Gott! Warum? Hast Du mich verlassen?

Es gibt viele Hiobs in dieser Welt. Viele Warum‘s? Für mein Koordinatensystem ist das schwer auszuhalten. Grundloses Leiden fügt sich nicht ein. Es gibt keine Erklärung, keinen Sinn. Wo ist da Gott?

„Ich weiß ja doch, dass mein Erlöser lebt“, so ruft, schreit, betet Hiob. Das ist eine trotziges Vertrauen, verzweifelte Hoffnung gegen alle Spielregel der Vernunft. Gegen alle Erfahrung und Koordinatensysteme, in die wir unser Leben einsortieren. Das ist keine Erklärung, keine Lösung und auch keine Kapitulation à la „Weil es so ist“. Der Sinn bleibt verborgen.

Ich weiß ja doch, dass mein Erlöser lebt.

Das ist Bekenntnis und erweitert das Koordinatensystem um die Dimension Hoffnung: kein leichtes Frühlingshoffen, sondern trotziges Trotzdem-Hoffen: Hoffen gegen Gott mit Gott – für Gott, um Gott.

Mich tröstet der Gedanke: Zusammen mit Hiob klagen, schreien, streiten – beten und trotzig hoffen gegen alle Warum‘s:

Trotzdem werde ich Gott sehen und er wird für mich kein Fremder sein.
So wird es sein, auch wenn ich schon halb tot bin.
Denn ich weiß ja doch, dass mein Erlöser lebt.

Dorothea Noordveld-Lorenz

Der Bibeltext

Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon.

Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen!

Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen!

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.

Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen.

Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Hiob 19, 19-27

Die Autorin

Dr. Dorothea Noordveld-Lorenz