Lernräume: "Ein Lichtblick in diesen Zeiten"

Tagesthema 26. Januar 2021

Lernraum-Projekte haben beim ersten Corona-Shutdown mit vielen Bildungsangeboten die Not der Schulkinder gelindert. In der Kindertafel Lüneburg federn 50 Ehrenamtliche die erneuten Schulschließungen ab. 
Sie essen täglich mit etwa 20 Kindern Mittag und helfen bei den Hausaufgaben.

Diakonin Antje Stoffregen (57) leitet mit zwei weiteren Kolleginnen die Kindertafel Lüneburg, ein gemeinwesenorientiertes, diakonisch-pädagogisches Angebot der Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde. Normalerweise essen die Freiwilligen dort seit vielen Jahren mit Kindern, lernen für die Schule und bieten Freizeitaktivitäten an. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist das Angebot ein landesweites Pilotprojekt der „Lernräume“, mit denen Kirchen und Land Niedersachsen gemeinsam helfen wollen, dass Kinder in der Krise weiter lernen und Gemeinschaft haben können.

Das Team von Kindertafel und Lernräumen: Ulrike Butenschön, Antje Stoffregen und Anna Schlendermann (von links).
Das Team von Kindertafel und Lernräumen: Ulrike Butenschön, Antje Stoffregen und Anna Schlendermann (von links).

Frau Stoffregen, bei Ihnen in Lüneburg hat das Projekt „Lernräume“ im vergangenen Jahr seinen Anfang genommen - mit Hausaufgabenbetreuung und vielen Ehrenamtlichen, um die Last der Corona-Schulschließungen zu mildern. Seitdem sind viele ähnliche Projekte im ganzen Land dazugekommen. Wie sieht es aktuell bei Ihnen aus?
Antje Stoffregen: Es besteht nach wie vor ein großer Bedarf, den wir trotz widriger Umstände täglich erfüllen. Aktuell kommen pro Wochentag 20 Kinder zu uns, acht weitere sind im Wechsel dabei, dazu stehen zwölf Kinder auf der Warteliste. Ohne unsere 50 aktiven Ehrenamtlichen könnten wir das alles überhaupt nicht leisten. Von 16 bis 75 Jahren ist da alles dabei - manche aus der Kurzarbeit, andere im Ruhestand und auch Studierende. Wieder andere sind nicht vor Ort, sondern helfen aus dem Home Office bei der Organisation.

Es ist im Augenblick oft die Rede davon, dass Jugendliche die großen Verlierer der Lockdown-Einschränkungen sind. Welchen Eindruck haben Sie?
Antje Stoffregen:
Als die Kinder nach den langen Weihnachtsferien zurückkamen, haben sie eigentlich alle gesagt: Es war so langweilig. Und nach unseren Eindrücken haben das Lesen und Deutschlernen bei vielen tatsächlich merklich nachgelassen. Zu Hause bekommen viele eben nicht die Lernunterstützung und waren entsprechend froh, wieder hierher kommen zu können. Die nutzen die Zeit mit ihrem Tandem-Lernpaten sehr intensiv zum Erzählen, aber sie wollen auch unbedingt lernen. Wir alle finden diese Erfahrung sehr berührend.

Viele Menschen aus der Lüneburger Paul-Gerhardt-Gemeinde haben gespendet, um eine modulare Küche für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen anzuschaffen.
Viele Menschen aus der Lüneburger Paul-Gerhardt-Gemeinde haben gespendet, um eine modulare Küche für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen anzuschaffen.

Wie sieht Ihre Arbeit seit dem Jahresbeginn ganz konkret aus?
Antje Stoffregen:
Wir haben im Grund durchgehend seit dem Frühjahr 2020 ein ähnliches Angebot gemacht - nur immer angepasst an die aktuellen Bestimmungen und Möglichkeiten. Es gibt aktuell zwei Startzeiten am Nachmittag, die Kinder essen mit ihren Lernpaten zu zweit in ihrem Lernraum und können erzählen. Danach arbeiten sie gemeinsam an den Schulaufgaben. Da viele Kinder mit Migrationshintergrund bei uns sind, sind das Sprechen, Lesen und Schreiben für sie besonders wichtig. Jedes Tandem kann einen eigenen Raum nutzen - Gott sei Dank bietet unser Gemeindehaus so viel Platz. Dabei praktizieren wir alle akribisch das Händewaschen, Maskentragen und Abstandhalten. Das alles geschieht im Rahmen der Kindertafel, in der wir mit knapp 100 Ehrenamtlichen gute Konzepte haben. Wir sind etwa schon sehr gut mit den Schulen vernetzt und können unser Angebot eng abstimmen.

Die Landeskirche und auch das Land Niedersachsen wollen überall Menschen ermutigen, Lernräume zu öffnen. Was können Sie denen empfehlen, die auch ein ähnliches Angebot starten wollen?
Antje Stoffregen: Es ist immer sinnvoll, klein anzufangen. Solche Projekte brauchen ein klares Konzept, verlässliche Rahmenbedingungen und Begleitung der ehrenamtlich Engagierten. Wir hatten mit der Kindertafel schon gute Verbindungen zu den Schulen, dazu den großen Kreis von Ehrenamtlichen. Wer neu beginnt, sollte zunächst das Gespräch mit der Schule suchen und fragen, was aus deren Sicht sinnvoll ist. Ehrenamtliche haben wir schnell gefunden. Insgesamt gilt es einfach zu schauen, was unter den lokalen Bedingungen möglich ist. Bei uns unterstützen jeden Wochentag andere Ehrenamtliche, schließlich sind die Leute ja auch berufstätig. Eine Lehrerin etwa ist vormittags in der Schule und lernt nachmittags bei uns noch ehrenamtlich mit zwei Kindern.

Was stimmt Sie froh, trotz aller Arbeit und Einschränkungen?
Antje Stoffregen:
Dass wir überhaupt etwas tun können, Gemeinschaft und Begegnung erleben können - das ist schon ein Lichtblick in dieser Zeit. Ich glaube, da spreche ich sowohl für die Kinder als auch für die Ehrenamtlichen. Wir sind froh, das alles in Absprache mit Gesundheitsamt und Stadt durchführen zu können. Sonst hätten die Kinder noch mehr Lücken. Natürlich würden wir gern mehr machen, spielen, basteln und toben. Aber das, was wir tun, ist sicher mehr als nichts. Und es macht uns in der Tat alle sehr dankbar und froh.

Interview: Alexander Nortrup

Kultusministerien fordern zusätzliche Betreuungs-Möglichkeiten in den Ferien

Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), Britta Ernst (SPD), fordert von den Schulen zusätzliche Betreuungsmöglichkeiten in den Ferien. So könne etwa in den Sommerferien Lernstoff nachgeholt werden, der im Distanzunterricht auf der Strecke geblieben sei, sagte die brandenburgische Bildungsministerin der Düsseldorfer "Rheinischen Post". Das habe es schon im vergangenen Jahr in vielen Bundesländern gegeben.

"Dabei geht es um Betreuungsangebote mit pädagogischem Inhalt, aber es geht auch darum, die Eltern zu unterstützen, weil viele bis zum Sommer ihre Urlaubstage aufgebraucht haben werden und nicht mit ihren Kindern verreisen können", sagte die brandenburger Bildungsministerin. Eine Verkürzung der Ferienzeit, wie sie Gesundheitsexperten fordern, halte sie für "nicht so einfach machbar".

Ernst sagte zudem, sie halte Schulöffnungen ab Februar "bei entsprechender Infektionslage" mit Wechselunterricht für möglich: "Allerdings kann das anfangs auch nur für Abschlussklassen und die ersten Klassenstufen gelten". Längere Zeiträume mit Distanzunterricht täten vor allem den Grundschulkindern nicht gut. 

Ernst verteidigte den Beschluss, an Abiturprüfungen festzuhalten. "Ich bin dafür, die schriftlichen Abiturprüfungen durchzuführen. Ich halte nichts von vorschnellen Maßnahmen", sagte die SPD-Politikerin. "Wir haben im vergangenen Jahr die Abiturprüfungen und die Prüfungen für die mittleren Abschlüsse sehr erfolgreich durchführen können. Das wird mit einem abflauenden Infektionsgeschehen auch in diesem Sommer gelingen", sagte Ernst. Mit Blick auf mehrere Landtagswahlen in diesem Jahr warnte die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz davor, die Schulmaßnahmen in die Auseinandersetzung im Wahlkampf zu ziehen.

Aufruf vom geistlichen Vizepräsidenten des Landeskirchenamtes, Ralph Charbonnier

In diesem Lockdown braucht es ein sorgfältiges Abwägen zwischen dem Infektionsschutz durch Kontaktbeschränkungen und der sensiblen Bewahrung der Rechte und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen auf Kontakt und Begegnung. Sie sind in dieser Situation besonders belastet. Es ist - gerade angesichts der Schließung der Schulen und Kindertagesstätten - wichtig, dass Kinder und Jugendliche nicht komplett isoliert werden, sondern weiter Kontakt zu Gleichaltrigen unter Wahrung des notwendigen Schutzes vor Infektionen haben. Die Corona-Verordnung des Landes ermöglicht deshalb die Fortführung von Angeboten der Kinder- und Jugendarbeit grundsätzlich nach § 2 Abs. 3 Nr. 8f und explizit im Bereich der Kirchen und Religionsgemeinschaften nach § 9 Absatz 1, um Kindern und Jugendlichen einen geschützten Raum zu geben, der ihnen hilft, diese Ausnahmesituation zu bewältigen.

Viele von Ihnen begleiten Kinder und Jugendliche auf vielfältige und phantasievolle Weise durch diese Zeit. Manche signalisieren uns die unzureichende digitale Infrastruktur vor Ort und eine mangelnde Ausstattung mit digitalen Medien in manchen Familien, die die Kontaktaufnahme erschweren. Andere beobachten, wie die dringend nötige Unterstützung beim Lernen in Familien nicht immer möglich ist. Die Einrichtung eines "Lernraums" in Ihrer Gemeinde könnte hier helfen. "Lernräume" werden auch noch auf längere Sicht hilfreich sein, um schulische Defizite auszugleichen sowie Kinder und Jugendliche hilfreich zu begleiten und den Kontakt zu ihnen aufzubauen bzw. zu halten. Solche "Lernräume", die auch vom Land Niedersachsen gefördert werden, können gegenwärtig gut geplant und vorbereitet werden, vielleicht in ökumenischer Kooperation. Finanzielle Fördermittel stehen für Ihre Initiative zur Verfügung. Bitte informieren Sie sich auf https://www.kirche-schafft-lernraum.de/.
 
Über die Vorgaben der aktuellen Corona-Verordnung in § 3 Abs. 4, Nr. 5f hinaus empfehlen wir, dass während präsentischer Angebote Kinder und Jugendliche im Alter von 6-15 Jahren eine Mund-Nasen-Bedeckung und ab 16 Jahren eine medizinische Maske nach FFP2/KN95/N95-Standard tragen.