"Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen"

Tagesthema 24. Januar 2021

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und Dein Gott ist mein Gott.

Dieser Spruch wird häufig von Paaren bei der kirchlichen Trauung gewählt. Dabei wissen die meisten Paare gar nicht, dass es bei diesem Versprechen im Buch Ruth nicht um eine Vereinbarung zwischen einem Mann und einer Frau geht, sondern um ein Gelöbnis unter Frauen. Die Witwe Ruth gelobt das ihrer ebenfalls verwitweten Schwiegermutter Noomi. Ruth möchte ihrer Schwiegermutter auch in schwierigen Situation beistehen und ihr treu bleiben.
Das ist bemerkenswert, zumal Schwiegermütter und Schwiegertöchter oft miteinander konkurrieren. In dieser Konstellation steckt auch in heutigen Zeiten viel Zündstoff.
Anders bei Ruth und Noomi. Die beiden Frauen halten trotz unterschiedlicher Herkunft und trotz aller Gegensätze auch in schweren Zeiten zusammen. Diese Frauensolidarität ist ein Vorbild für alle Menschen, egal welchen Geschlechts. 

Frauen spielen in der Bibel meistens eine untergeordnete Rolle. Aber da wo von ihnen berichtet wird, da glänzen sie. Als die Kundschafter nach dem Exodus aus Ägypten das Land Israel erkunden wollten, werden sie von der Prostituierten Rahab beschützt (Jos 2). Und als die Witwe Tamar gesteinigt werden sollte, weil sie sich in ihrer Not prostituiert hatte, entlarvt sie ihren Schwiegervater Juda als ungerecht, so dass er zugeben musste: Diese ist gerechter als ich (Gen 38).
So ist es oft im Leben: Männer führen Kriege und Frauen leisten die Aufräumarbeit. Männer fahren den Karren in den Dreck und Frauen ziehen ihn wieder heraus. Da stellt sich die Frage: Warum ist Gott eigentlich als der Mann Jesus Mensch geworden? Warum nicht als Frau? So oft tun Frauen der Welt gut und viel zu selten werden ihre Leistungen angemessen gewürdigt. Ich glaube, Gott wollte mit Jesus den Männern zeigen: Schaut her Männer - ihr könnt das auch: solidarisch, zärtlich, treu und liebend sein - ein Leben lang, bis zum letzten Atemzug!

In diesen Tagen berichten die Medien immer wieder, wie schwer es der neue Präsident in den USA haben wird, das tief gespaltene Land wieder zu vereinen. Dabei müssen wir gar nicht nach Amerika schielen, denn auch in unserem Land gibt es inzwischen tiefe Risse. Solidarisch sein – trotz unterschiedlicher Herkunft, Auffassungen und Einstellungen – das sollten und müssen wir schnellstens von den Frauen Noomi und Ruth lernen.
 
Amen.

Andacht von Bodo Boehnke

Der Bibeltext

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.
Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzuk, sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnt. Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen.
Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr. Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.
Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

Ruth 1, 1-19a

Der Autor

Bodo Boehnke ist Pastor der Walburgisgemeinde in Ostercappeln-Venne im Landkreis Osnabrück.
Bodo Boehnke ist Pastor der Walburgisgemeinde in Ostercappeln-Venne im Landkreis Osnabrück.