epd/Jens Schulze

Glocken läuten gegen das Böse

Tagesthema 30. Dezember 2020

Salzgitter (epd). Der Glockensachverständige Sebastian Wamsiedler ist überzeugt, dass Kirchenglocken in diesem Jahr eine besondere Bedeutung zukommt. "Das spezielle Läuten während des ersten Corona-Lockdowns hat die Menschen getröstet und signalisiert, dass sie auch auf Distanz eine Gemeinschaft bilden", sagte er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Wamsiedler berät als Glockensachverständiger - fachsprachlich auch als Campanologe bezeichnet - Landeskirchen, Bistümer und Denkmalämter rund um musikalische, historische und technische Glockenfragen.

Der im niedersächsischen Salzgitter ansässige Glockenexperte geht davon aus, dass die Glocken auch zu Silvester mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen werden als sonst, da die Konkurrenz durch laute Böller vielerorts geringer sei. Das traditionelle Läuten der Kirchenglocken in der Silvesternacht hat Wamsiedler zufolge keine christlichen Wurzeln. Allerdings sei im Mittelalter auch geläutet worden, um Unheil zu verhindern und das Böse zu vertreiben. "Insofern gibt es durchaus Parallelen zwischen der Silvesterknallerei und dem Läuten der Kirchenglocken", betonte Wamsiedler.

Hauptaufgabe der schätzungsweise rund 120.000 vorwiegend bronzenen Kirchenglocken bundesweit sei es jedoch, die Menschen zum Gottesdienst und anderen liturgischen Anlässen einzuladen sowie Freude und Leid der Gemeinde zu verkünden. "Die Glocke als Instrument ermöglicht, sich über weite Distanz mitzuteilen und alle Menschen einzubinden." In Niedersachsen gibt es dem Campanologen zufolge etliche historisch und musikalisch bedeutsame Glocken. So etwa die fünf Glocken der Neuwerkkirche in Goslar, die aus der Zeit 1200 bis 1314 stammten. "Oder der Braunschweiger Dom mit seinen zwölf Glocken, von denen zehn mehr als 500 Jahre alt sind." Auch das Geläut der Marktkirche in Hannover sei besonders. "Hier hängt die tontiefste und mit mehr als elf Tonnen schwerste Glocke ganz Norddeutschlands", sagte Wamsiedler.

In krisenhaften Zeiten wie der Corona-Pandemie könne der Klang von Kirchenglocken den Menschen helfen, indem er Trost spendet und die Gemeinschaft stärkt. "Wenn Kirchenglocken läuten, weiß ich, das haben die Menschen vor langer Zeit bereits genauso gehört." Der musikalisch aufeinander abgestimmte Klang verschiedener Glocken erzeuge zudem eine feierliche Atmosphäre und unterstütze damit liturgische Handlungen. "Glockengeläut ist faszinierend und vielschichtig", sagte Wamsiedler.

Dabei dürften Kirchenglocken keineswegs willkürlich geläutet werden. Das Läuten folge festen Regeln, die in der Läuteordnung der Kirchengemeinden festgeschrieben seien. Früher sei das Geläut deutlich differenzierter gewesen, sagte Wamsiedler. Man habe zum Beispiel dem Sterbegeläut entnehmen können, ob eine Frau, ein Kind oder ein Mann gestorben sei. "Die Menschen waren in der Lage, Glockenklänge genau zu deuten", sagte Wamsiedler. "Dieses Wissen verblasst leider."

Evangelischer Pressedienst (epd), Landesdienst Niedersachsen-Bremen