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Berührend und vielfältig: Advent während der Pandemie

Tagesthema 01. Dezember 2020

Ein Türchen öffnen, etwas Schönes bekommen - seit heute freuen sich nicht nur viele Kinder jeden Morgen über ihren Adventskalender. Dass, auch durch Corona bedingt, etliche Menschen allerdings voller Sorge und mit wenig Freude auf Weihnachten warten, hat Almuth Wiesenfeldt lange bewegt. Dann hatte die Pastorin aus Dransfeld bei Göttingen eine Idee, die ganz gut auf den Punkt bringt, was in diesem Jahr angesichts der Pandemie die ganze Welt umtreibt: Dass eben nichts so ist wie sonst.

Wiesenfeldt nennt das Konzept der St. Martini-Kirchengemeinde deshalb den „umgekehrten Adventskalender“. Und der funktioniert so: Menschen füllen Kisten täglich mit einem brauchbaren, schönen Gegenstand - etwas Essbarem, das nicht schnell verdirbt, einem Dusch- und Hygieneartikel, einer Kerze, einem Spielzeug. An Heiligabend holen Mitarbeiter der Diakonie Hann. Münden die (dann hoffentlich) vollen Kisten ab und verteilen deren Inhalt an Menschen, die solch ein Weihnachtspaket gut gebrauchen können. Wer mitmacht, öffnet so nicht nur selbst täglich ein Türchen und freut sich über Schokolade oder einen Vers - er oder sie gibt eben auch etwas weiter. Jeden Tag wird die Kiste, die im Wohnzimmer oder der Küche geduldig wartet, ein bisschen voller.

„Die Idee kam uns ganz spontan“, sagt die 41-jährige Pastorin. „Der Kindergarten macht mit, Familien, Hausgemeinschaften. Man kann das schön zu Hause machen, kontaktlos. Wir füllen mit unseren Kindern auch eine Kiste.“ 30 Kisten habe man organisiert, die seien längst aufgebraucht und die Warteliste schon beträchtlich. Nun wird wohl noch einmal nachgerüstet: „Ich glaube, vielen Leuten ist aufgefallen, dass es ihnen doch noch erstaunlich gut geht. Klar, hier bei uns auf dem Land ist es mit Corona noch recht gut. Aber allen wird gerade deutlich, dass es manchen Menschen wirklich schlecht gehen kann - und dass es auch schnell passieren kann, den Job zu verlieren. Da möchten doch viele etwas dazu beitragen, dass einzelne nicht abgehängt werden.“

Genau dieser Weihnachtswunsch bewegt auch Jarne Weihe. Der Grundschüler hat für die Martinskirchengemeinde Engelbostel-Schulenburg einen Tausch-Adventskalender erdacht. Am 1. Dezember hat der Achtjährige deshalb noch vor Schulbeginn ein Geschenk an die Girlande vor der Kirche gehängt und hofft darauf, dass jemand es gegen ein anderes austauscht und sich über sein Päckchen freut. Wichtig sei, dass der Inhalt nicht viel koste und mit Liebe eingepackt sei, erklärt der Drittklässler seine Idee. Inzwischen hat Jarne mit seiner Idee viele Mitstreiter gefunden - und das Miteinander auf ganz einfache Weise gestärkt.

Menschen trotz Kontaktbeschränkungen weiter verbinden - das will auch die Kirchengemeinde Gnarrenburg im Landkreis Rotenburg. Vor der Kirche stehen zwei Selfie-Wände mit Engelsflügeln und einem kurzen Gruß. „Wir wollen Menschen ermuntern, gerade in der Adventszeit aneinander zu denken und in Kontakt zu bleiben“, sagt Pastor Florian von Issendorff. Auf den großen Wänden sind je zwei Engelsflügel abgebildet. „Besonders im Advent ist ja viel von Engeln die Rede – dabei kann aber jeder zu einem Engel für andere werden“, sagt von Issendorff.

Nachwuchskünstlerin Mareike Werth hat die Wände gestaltet. „Die Größe und die Farbverläufe waren eine Herausforderung, trotzdem hat das Projekt viel Spaß gemacht“, sagt Werth, die aktuell eine Fachoberschule für Gestaltung besucht und mit den Wänden ihre erste Auftragsarbeit erhielt. Mitarbeitende der Gemeinde haben dann die Wände vor der Kirche im Zentrum des Ortes montiert. In den Adventswochen können Passanten ohne große Mühe schnell ein Foto machen und dieses an einen lieben Menschen schicken.

Die Liste der kreativen Aktionen im Advent überall ist berührend - und vielfältig: Konfirmanden im Garbsener Stadtteil Horst bei Hannover haben ein Advents-Glücksrad gebaut, das immer nach Gottesdiensten gegen Spende gedreht werden darf, das Geld geht an Brot für die Welt. Die Evangelische Jugend Hannover sammelt alte Handys für gute Zwecke und in Bad Salzdetfurth haben die Jugendlichen rund um Martin-Luther- und St. Georgs-Kirche Stationskisten mit kleinen Aktionsangeboten und meditativen Textimpulsen verteilt. Je nachdem wo man wohnt, kann man entscheiden, ob man die Stationen lieber oben auf dem Berg oder in der Altstadt abgehen möchte. In Holtensen und Elliehausen schließlich kommt am Sonntag der Nikolaus und verteilt kleine Tüten, ein Drehorgelspieler macht Musik - und das alles draußen und auf Abstand.

Dutzende Online-Adventskalender, Vorlesegeschichten zum Mitnehmen, Tauschbörsen,  coronakonforme Präsenzveranstaltungen voller Kreativität - wer die Sammelseite wir-e.de besucht, findet dort in Echtzeit die Aktualisierungen von Gemeinde-Websites und damit ein überaus vielfältiges Angebot. „Ich glaube schon, dass es an diesem Weihnachten noch mehr Angebote gibt als an Ostern, das ja 2020 ebenfalls stark durch Corona geprägt war“, sagt Pastorin Almuth Wiesenfeldt. „Dieses Fest berührt eben auch viele Menschen emotional tief, es geht noch viel mehr in die Breite, auch kirchenfernere Menschen können damit viel mehr anfangen. Auch wenn Weihnachten für viele familiär und persönlich durchaus ein schwieriges Fest sein kann - in diesem Jahr brauchen wir alle möglichst viel Nähe und Wärme.“

Dass sie und die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer in fast allen Dingen Neuland betreten und etwa einen Autokino-Gottesdienst auf einem Schwimmbad-Parkplatz planen, ist für Wiesenfeldt durchaus im Sinne des Weihnachtsgedankens #fürchtedichnicht: „Es ging ja schon für Maria und Josef darum, sich in eine ungewisse Zukunft zu begeben. Dann sollten wir doch trotz allem auch keine Angst davor haben.“

Alexander Nortrup

„Fürchtet euch nicht!“ ist die große Überschrift über Weihnachten. Daran angelehnt startet die Landeskirche Hannovers die Aktion "#FürchteDichNicht". Wer mag, kann den Bastelbogen für einen Engel herunterladen, nachbasteln, ins Fenster hängen und ein Bild davon in den Sozialen Netzwerken teilen. Die pdf-Vorlage erhalten Sie über diesen Link.

Stichwort: Advent

Die vierwöchige Adventszeit, die mit dem 1. Advent am Sonntag (29. November) begonnen hat, ist für viele Menschen eine hektische und eher stressige Zeit. Sie steht im Spannungsfeld zwischen dem Bedürfnis nach Ruhe und Erholung am Ende des Jahres, nach Rückzug ins Warme und Helle des eigenen Zuhauses und den großen Erwartungen, die das Weihnachtsfest weckt. In diesem Jahr belastet die Corona-Pandemie die Vorfreude auf Weihnachten.
In christlicher Tradition hat die Adventszeit eine doppelte Bedeutung: Sie steht für das Warten auf den Heiland Jesus Christus, dessen Geburt Christen an Weihnachten feiern. Gleichzeitig erwarten die Gläubigen Christi Wiederkehr am Ende aller Zeiten. 
Warten wird so zum zentralen Thema der Adventszeit. Sie drückt sich auch in zwei Bräuchen aus, die bei vielen Menschen gepflegt werden, auch wenn sie ansonsten nichts mit der Kirche zu tun haben: dem Adventskranz und dem Adventskalender. Viele Menschen stimmen sich außerdem mit Liedern, Gebäck und Kerzenschein auf Weihnachten ein. Eines der beliebtestes und bekanntesten Adventslieder ist "Macht hoch die Tür". Es kündet von der Ankunft des Heilands. Advent leitet sich von lateinischen Wort "adventus" für Ankunft ab.
Advent und Weihnachten entstanden als christliche Feste erst im 4. bis 5. Jahrhundert. In die Zeit des Advents fällt am 21. Dezember auch die Wintersonnenwende. Die Tage werden danach wieder länger und lassen das Ende von Winter und Dunkelheit erahnen.
Mit dem ersten Adventssonntag hat auch das neue Kirchenjahr begonnen, das mit dem Toten- oder Ewigkeitssonntag zu Ende ging. Der Advent endet, wenn am Heiligen Abend (24. Dezember) die Sonne untergeht.