Wie geht es nach der Wahl in den USA weiter?

Tagesthema 05. November 2020

"Ich hoffe sehr, dass die Menschen wieder aufeinander zugehen können."

Christina Möckel (46) lebt mit ihrer Familie seit 2012 in Washington D.C. und arbeitet als Deutschlehrerin an einer Universität - wegen der Corona-Pandemie seit März nur im Home Office. Im Video-Interview am Tag nach der Wahl hat sie erzählt, dass auch die Mitglieder der deutschen evangelischen Kirchengemeinde, in der sie Gemeinderätin ist, seit Monaten nur über Videokonferenzen Gottesdienst feiern. Und dass die Unsicherheit über den Ausgang der Präsidentschaftswahl kaum auszuhalten ist.

„Ich habe ein sehr mulmiges Gefühl - obwohl ich als Deutsche gar nicht wählen durfte. Aber viele meiner Studenten haben zum ersten Mal gewählt, die Beteiligung war extrem hoch. Jetzt ist die Unsicherheit über den Ausgang für alle schwer auszuhalten und womöglich wird das noch länger anhalten. An unserer Uni zirkulierte heute schon eine Mail mit Hilfsangeboten für Studenten und Dozenten, die unter Ängstlichkeit und Sorgen wegen der Wahl und ihrer unklaren Folgen leiden.

Im Stadtzentrum von Washington D.C. sind viele Gebäude verbarrikadiert. Es sieht ähnlich aus wie bei den „Black lives matter“-Demos vor einigen Monaten und erinnert ein wenig an Vorbereitungen für einen Hurricane. Ob Ausschreitungen und Proteste kommen, weiß ich nicht - aber viele Menschen haben einfach Sorge um ihr Land und dessen Zukunft. Eine amerikanische Freundin erzählte mir, sie suche ganz ernsthaft nach Arbeit im Ausland, wenn es noch einmal eine Trump-Regierung geben sollte.

US-Präsident Donald Trump vor einer Eingangstür des Weißen Hauses (Foto: flickr.com / thewhitehouse)
US-Präsident Donald Trump vor einer Eingangstür des Weißen Hauses (Foto: flickr.com / thewhitehouse)

Wir sind hier nah dran: Das Walter-Reed-Krankenhaus, in dem der Präsident während des Wahlkampfes behandelt worden ist, liegt bei uns direkt in der Nachbarschaft. Und der demokratische Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders hatte sein Büro im gleichen Gebäude wie das Sprachinstitut, an dem ich auch unterrichte. Der ist immer bei uns im Fahrstuhl gefahren, viele seiner sehr jungen Anhänger gingen bei uns ein und aus.

Die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft bemerke ich hier im täglichen Leben an vielen Stellen: Bestimmte Berufe gerade im Niedriglohnsektor sind scheinbar bestimmten Einwanderer-Gruppen vorbehalten. Wer von einem Polizisten angehalten wird, sollte besser nicht die falsche Hautfarbe haben. Und wer nicht zum weißen Mittelstand gehört, dessen Kinder gehen meist auf Schulen, die weniger bieten können. Auch das Gesundheitssystem ist deutlich weniger kuschelig als in Deutschland: Wer hier eine Krebserkrankung hat und  nicht mehr arbeiten kann, fällt nach kurzer Zeit aus der Krankenversicherung und hat dann womöglich nicht nur eine lebensbedrohliche Krankheit, sondern auch noch den wirtschaftlichen Bankrott vor Augen.

Es gibt viele Baustellen, da sind so viele Ängste. Und dann wenden sich die Menschen eben radikalen Ideen zu und rufen nach einer harten Hand und einfachen Antworten. Die Wahl hat diese sozialen Spaltungen sichtbar gemacht, viele Themen sind oft sehr aggressiv diskutiert worden -  manchmal hatte ich das Gefühl, dass dies bald nicht mehr das Land der Freiheit sein könnte.

Dabei sind die USA ein wunderschönes Land. Ich habe hier so viele fantastische Menschen und so viel Wärme kennengelernt. Ich hoffe sehr, dass die Menschen wieder aufeinander zugehen können. Dass sie gemeinsam den Traum von Amerika leben und ihre Zukunft entwickeln. 

Ich arbeite täglich mit vielen jungen Menschen zusammen, die machen mich sehr hoffnungsfroh. Sie sind so optimistisch und idealistisch, ich denke immer: Wenn die Zukunft dieses Landes von solchen Menschen bestimmt wird, sieht es eigentlich gut aus. Ich bin nicht verzweifelt, was die jungen Menschen in diesem Land angeht. Und vielleicht mobilisiert die aktuelle Situation auch noch mehr junge Leute,sich politisch zu engagieren.“

Interview: Alexander Nortrup