Ja Herr! Aber...

Tagesthema 03. Oktober 2020

Andacht zum 17. Sonntag nach Trinitatis

Bild: Getty Images

Da stehen sich zwei gegenüber. Führen ein Gespräch, nein: eine Debatte, nein: ein Duell, wer Recht hat, wer Amerika in Zukunft führen soll. Trump gegen Biden. Angekündigt ist das Ganze wie ein Box-Event. Und nicht nur Millionen von US-Amerikanern schauen gespannt diese Nacht in Richtung Cleveland, Ohio, wo der Präsident und sein Herausforderer aufeinander treffen. Wie werden sie miteinander umgehen? Worüber werden sie sprechen? Wie steht es um die Argumente, Ziele, Visionen der beiden? Und dann das: statt eines Gesprächs gegenseitige persönliche Vorwürfe, Beleidigungen und Angriffe. Oft endet das „Duell“ in Chaos und Geschrei.

Zeitsprung: Vor knapp 2000 Jahren stehen sich zwei gegenüber. Und hier endet es nicht, hier geht es los mit Geschrei: Eine Frau, mit der Jesus offensichtlich partout nicht reden will, versucht lautstark auf sich aufmerksam zu machen. So sehr, dass es den Jüngern schon geradezu unangenehm wird. Aber Jesus stellt sich taub (und wirkt dabei ziemlich unsympathisch): Für die da bin ich nicht zuständig. Gespräch verweigert. Doch statt mit hängenden Schultern klein beizugeben macht die Frau etwas, das man angeblich keinesfalls darf: Sie widerspricht Jesus. Eine Frau einem Mann. Eine einfache Ausländerin einem gebildeten Einheimischen, einem Rabbi: „Ja Herr! Aber…“ 

Und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie dann alle gespannt in Richtung Jesus schauten: Kommt jetzt ein Wutausbruch, ein lautstarkes Auf-den-Tisch-Schlagen? Werden die eigenen Argumente noch einmal, nur eben doppelt so laut herausposaunt? 

Nein. Jesus korrigiert sich. Hält inne, denkt nach, lächelt, gibt ihr Recht: „Frau, dein Glaube ist groß! Was du willst, soll geschehen!“

Na also, geht doch. Von den beiden (!) also können wir lernen: Aus einem Duell eine Debatte, ein Gespräch machen. Sich nicht abwimmeln lassen, Mut haben zu widersprechen, aber eben auch den Argumenten des anderen zuhören. Davon könnten sich sowohl Joe Biden als auch Donald Trump, aber genauso jede Menge Wutbürger aller Couleur eine dicke Scheibe abschneiden. 

Natürlich, das war schon immer schwer, selbst für Jesus. Aber es ist zu schaffen, ganz bestimmt. Nachzulesen ist das im Predigttext für morgen: Matthäus 15,21-28.

Matthias Bochow

Der Bibeltext

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Bild: Wiebke Ostermeier/lichtemomente.net

Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon.  Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Matthäus 15 ,21-28

Der Autor

Pastor Matthias Bochow