"Die Kirchen müssen lauter werden, auch wenn sie Mitglieder verlieren"

Tagesthema 05. Juni 2020

Cordula Schmid-Waßmuth blickt mit Beklemmung, Sorge und Wut auf die Geschehnisse in den USA: die Proteste gegen Rassismus und gewaltsamen Räumungen der Polizei nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd. Schmid-Waßmuth hat von 2012 bis 2018 in Washington D.C. gelebt und unter anderem als Religionslehrerin und Pastorin gearbeitet.

Frau Schmid-Waßmuth, Sie haben für sechs Jahre in den USA gelebt, auch damals war Trump schon Präsident. Natürlich verfolgen sie die Entwicklungen weiter. Wie nehmen Sie die aktuelle Lage in den USA wahr?

Schmid-Waßmuth: "Die Nachrichten aus den USA wühlen mich auf. Sie machen mich traurig, aber auch wütend. Schon wieder ist ein Schwarzer, George Floyd, von Polizisten getötet worden, er ist kein Einzelfall. Wieder gibt es Proteste und noch mehr Gewalt."

Hat sich die Situation seit Ihrem Aufenthalt im Vergleich zu heute verändert?

Schmid-Waßmuth: "Ja, die Situation jetzt bekomme ich zum Beispiel über amerikanische Freunde mit. Sie schreiben, dass jetzt mehr Menschen auf die Straße gehen, auch die, die früher nicht protestiert haben.

Ich muss an Charleston denken, als 2015 ein weißer Rassist neun Schwarze in einer Kirche erschossen hat. Da hat Präsident Obama hinterher die Trauerrede in der Kirche gehalten und hat mit Tränen in den Augen „Amazing Grace“ angestimmt. Trump verhält sich dagegen ganz anders."

Donald Trump hat sich gerade erst vor einer Kirche fotografieren lassen, mit einer Bibel in der erhobenen Hand. Wie bewerten Sie dieses Bild?

Schmid-Waßmuth: "Als ich das Bild in den Medien sah, habe ich die Luft angehalten. Ich fand das unglaublich. Zumal er sich ja den Weg zu St. Johns gewaltsam durch eine friedliche Demo gebahnt hat. Für ein Foto! Quasi um sich sein Handeln von höherer Stelle absegnen zu lassen. Ich fand es eine starke Reaktion von Mariann Edgar Budde, der Bischöfin der Episcopalian Church in D.C. Sie hat gesagt, ihre Kirche folge Jesus und dem Weg der Liebe. Und was der Präsident tut, ist genau das Gegenteil."

Auch wenn die Proteste zu Ihrer Zeit in den USA noch nicht so stark waren: Rassismus-Probleme gibt es schon lange. Sie waren als Pastorin sozusagen mittendrin, in einer teils deutschen, teils amerikanischen Gemeinde. Wie haben Sie sich verhalten?

Schmid-Waßmuth: "Ja, ich war vor allem 2017 und 2018 mittendrin. Meine Kirche war ja nur so etwa 700 Meter vom Weißen Haus entfernt. Das war eine UCC-Gemeinde, United Church of Christ, eine liberale Kirche, die sich schon immer stark für Gerechtigkeit einsetzt. Für mich kam irgendwann der Punkt, auf der Kanzel klar zu sagen: Was Trump tut, ist unchristlich. Damals ging es um Kinder, die von ihren Eltern getrennt wurden, als sie über die Grenze von Mexiko kamen.

Privat bin ich bin auf Protestmärsche gegangen. Zum Beispiel zum Women‘s March und auch auf eine Demo von Geistlichen für Gerechtigkeit und gegen Rassismus. Die war nicht zufällig am Jahrestag der „I have a Dream“-Rede von Martin Luther King.

Ich fand es sehr ermutigend, mit Pastor*innen verschiedenster Konfessionen, aber auch mit Rabbis und Vertretern anderer Religionen zusammen zu protestieren. Man ist untereinander gut vernetzt."

Welche Rolle spielen die Kirchen in der amerikanischen Gesellschaft, was können sie bewirken? 

Schmid-Waßmuth: "Man muss zwischen evangelikalen und liberalen Kirchen unterscheiden. Die meisten Evangelikalen sind auf Trumps Seite. Die liberalen Kirchen halten sich bei politischen Fragen eher bedeckt, weil sie in ihren Gemeinden sowohl Demokraten wie Republikaner haben. Diese Kirchen stehen seit Trumps Amtsantritt vor einer großen Zerreißprobe.

Vor zwei Jahren habe ich an einem Theologenkongress teilgenommen, dem Festival of Homiletics. Das fand in dem Jahr in Washington D.C. statt, und es ging um die Frage: Können wir politisch predigen? Das Fazit war: Wir müssen es sogar. Wir würden uns schuldig machen, täten wir es nicht.

Meines Erachtens müssen die liberalen Kirchen lauter werden, ihre Haltung noch viel deutlicher öffentlich machen. Dabei werden sie sicher Mitglieder verlieren, aber ich hoffe, auch andere neu gewinnen. Und ich hoffe sehr, dass die Evangelikalen endlich aufwachen! In dieser Hinsicht tut sich aber auch schon etwas."

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Konflikte beruhigen könnten?

Schmid-Waßmuth: "Wenn, dann wird es mit Sicherheit nicht der Verdienst dieses Präsidenten sein. Er schüttet nur Öl ins Feuer! Aber ich hoffe nicht so sehr auf eine Beruhigung als vielmehr auf eine echte Veränderung. Rassismus, Gewalt gegen Schwarze, die krasse Benachteiligung von Schwarzen – das muss endlich ein Ende haben! Es reicht!"

Das Interview führte Christine Warnecke