"Alle versuchen noch, irgendwie klarzukommen."

Lehrerin Hanna Wagner trifft nicht nur die Herausforderung „Homeoffice“, sondern auch die Frage der Kinderbetreuung. Ihr Sohn ist sechs Jahre alt und wird im Sommer eingeschult – so lange wird er vielleicht noch um die Mama herumtoben, die den Unterricht von zu Hause aus vorbereiten muss. Zwar klingelt der Wecker bei Hanna Wagner wie immer um 6.30 Uhr. Doch statt in die Schule zu fahren, setzt sie sich an Laptop und Unterlagen am Arbeitszimmer. Während ihr Sohn noch schläft, versucht sie, die ruhigen Morgenstunden zu nutzen, um Aufgaben zu erstellen und zu verschicken. Etwa 200 Schüler*innen hat sie im Religionsunterricht derzeit in den Klassenstufen 5, 8 und 11.  

Gerade geht es in einer ihrer achten Klassen um das Thema Menschenrechte und Menschenwürde. „Die Schülerinnen und Schüler sollten sich zunächst mal über ihre eigenen Bedürfnisse klar werden“, erzählt Wagner. „Jetzt zu Hause ist die Aufgabe, sich vorzustellen, welche acht Sachen man auf eine einsame Insel mitnehmen würde, auf der man ein Jahr verbringen muss“, erklärt die Schulpastorin. „Das kann eine Collage mit Fotos oder anderen Dingen werden - die Schüler können jetzt zu Hause frei basteln, wie sie mögen.“

Diese Freiheit, auch mit Fotos und Videos zu experimentieren, sei ein Vorteil des „Homeschoolings“. „Man kann jetzt kreativer werden und manch ein stillerer Schüler blüht jetzt auf, wo er für sich arbeiten kann. Wir Lehrer können auch gezielter Feedback zu einzelnen Aufgaben geben - wann ist das im Unterricht sonst so detailliert möglich?“ Dafür fehlen natürlich die Diskussionen im Klassenverband.

"Bei manchen Schüler*innen weiß man nicht, wie es ihnen geht"

Ein anderer Nachteil: „Viele erledigen ihre Aufgaben brav und gewissenhaft, aber bei manchen kommt auch so gar keine Rückmeldung. Da weiß man manchmal wirklich kaum, wie es ihnen geht“, sagt Wagner bedrückt. Die jeweiligen Klassenlehrer sind zwar sehr bemüht, den Kontakt auf allen möglichen Wegen zu halten, aber das klappe nicht immer. „Wer vorher mit der Schule überfordert war, ist es jetzt noch mehr.“ Für diejenigen, die sich gar nicht melden, soll es daher eine Art Notbetreuung geben: „Dass diese Schüler, drei pro Klasse, in die Schule kommen und Lehrkräfte dort mit ihnen arbeiten können. Das ist die Idee, mal sehen, ob das so funktioniert. Alle versuchen immer noch, mit der neuen Situation klarzukommen - irgendeinen Weg zu finden, aus denen den Schülern auch kein Nachteil entsteht.“

Ihre Schüler waren Mitte März mit dem fröhlichen Gefühl überraschender Ferien auseinandergegangen, „sie schienen sorglos und unbeschwert“, sagt Wagner. „Unter den Lehrer*innen war die Stimmung schon gedrückter. Wir haben uns gefragt, wie es nun weitergeht – aber wir finden Wege.“

Für sie persönlich sind auch noch einige Fragen offen: Wann wird sie wieder in der Schule unterrichten und wie wird das aussehen? „Es wäre natürlich herrlich, wenn die Klassen nur halb so groß wären“, sagt sie und lacht. „Aber im Schulleitungsteam, das das alles organisieren muss, die Abstandsregeln, zeitlichen Pläne etc., will ich gerade echt nicht sein!“ Und wenn die Schule wieder öffnet - wird sie als Alleinerziehende die Notbetreuung in der Kita in Anspruch nehmen können? Auch das ist noch unklar.

Christine Warnecke

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