Empfänge, Kirchencafé, Spielecke: Seit Mai 2019 erlaubt die flexible Bestuhlung deutlich mehr Nutzungsformen. (Foto: Jens Schulze)

Stühle statt Bänke: Immensen probt die Metamorphose

Tagesthema 08. Februar 2020
Der Türöffner des Gotteshauses: Thorsten Leißer ist seit Sommer 2018 Pastor in Immensen - und hat Lust darauf, Dinge neu zu denken. (Foto: Jens Schulze)
Der Türöffner des Gotteshauses: Thorsten Leißer ist seit Sommer 2018 Pastor in Immensen - und hat Lust darauf, Dinge neu zu denken. (Foto: Jens Schulze)

„Sie werden schon sehen, was ich meine“, sagt der Mann mit dem raspelkurzen Haar und der Hornbrille und schließt mit einem Grinsen die mit kunstvollen Metallbeschlägen verzierte dunkle Holztür auf. Sie öffnet sich erstaunlich geräuschlos - und offenbart den Innenraum der 1877 erbauten St.-Antonius-Kirche in Immensen. Einladend und hell ist der Kirchraum, bunte Kirchenfenster lassen viel Licht hinein, Altarbild, Kanzel und Taufbecken lassen eindeutig den sakralen Raum erkennen.

Spannend ist, was man nicht sieht: Kirchenbänke. Sie fehlen, und dadurch ergeben sich in dem ehrwürdigen Gemäuer im Umland von Hannover erstaunliche Freiräume. Thorsten Leißer, der Türöffner, ist daran nicht ganz unschuldig. Im Sommer 2018 hat der 45-Jährige die Pfarrstelle in der zu Lehrte zählenden Kommune mit 2.500 Einwohnern angetreten - und für ihn war schnell klar, dass es nicht darum gehen kann, Dinge so zu machen wie bisher. „Entweder radikal umbauen oder einschlafen lassen - das waren die Optionen“, sagt der Theologe. Man müsse sich überlegen, was zukunftsweisend ist - und wie es künftig für Menschen attraktiv sein könnte, in den Gottesdienst zu kommen.

Die einstmals fest installierten Kirchenbänke sind in Immensen zum handfesten Symbol für den Wunsch nach Erneuerung und Aufbruch geworden. Auch wenn das eher einem Zufall geschuldet war: Die Heizungsanlage wurde erneuert -  drei Bänke mussten dafür zeitweilig weichen. Nur sechs Schrauben waren pro Bank zu lösen, um die traditionellen Sitzgelegenheiten im Innenraum zu entfernen - für einen derart radikalen Schritt eine beinahe lapidar klingende Anleitung. Am Ende wurden alle Bänke entfernt - und das Ergebnis leuchtete den Immensern derart ein, dass nun auch dauerhaft Stühle die Bänke ersetzen sollen. Aktuell wird diskutiert, welche Sitzmöbel genau es sein sollen.

Thorsten Leißer weiß noch, wie alles im Mai 2019 begann. Freiwillige Helfer räumten die Bänke heraus, schliffen den Holzboden darunter ab und lackierten ihn neu. Die Metamorphose ist umso beeindruckender, wenn man das von Leißer auf der Facebook-Fanpage der Gemeinde gepostete Zeitraffer-Video betrachtet: Menschen, die innerhalb weniger Minuten alle Bänke aus der Kirche tragen. Und plötzlich wird es hell und licht. Ein Freiraum entsteht, wo vorher Bänke waren. 

Nun ist der Ort deutlich flexibler: Mal ist die Kirche ein Stehcafé, mal hat sie eine Kinderecke. Es gab schon Lesungen, Musik, Empfänge. Beim St. Antonius-Empfang Anfang Januar etwa saßen Dutzende Gäste an langen Tafeln im Kirchraum zusammen beim Essen und unterhielten sich dort, wo gewöhnlich Gottesdienst gefeiert wird.

Auch mit Konfirmanden hat Leißer den neu entstandenen Raum genutzt: Im Halbkreis eine Gesprächsrunde zu machen sei eben schöner als in Bankreihen hintereinander zu sitzen, sagt der Pastor. „Es soll sich vor allem nicht wie auf einer Schulbank anfühlen, wenn man im Kirchraum sitzt.“

Immensen im Video: Wie Freiräume ganz praktisch entstehen können

Neue Freiräume, Umgestaltung und Neubeginn - das alles hat in Immensen nicht allein mit innerkirchlichen Überlegungen zu tun. Denn es ist nicht besonders viel los in dem kleinen Ort bei Lehrte. Wirklich voll wird es auf den Straßen vor allem dann, wenn die benachbarte Autobahn 2 wieder einmal dicht ist und der Ausweichverkehr auch durch Immensen rollt. Arztpraxen, Bankfilialen und Apotheken haben in den vergangenen Jahren nach und nach zugemacht. „Die Einkaufsmöglichkeiten im Ort beschränken sich noch auf eine Bäckereifiliale und auf Monikas Lädchen“, betont Jürgen Mikulle, einer der Geschäftsführer des gerade entstehenden Dorfladens, im Gemeindebrief. Er plant gemeinsam mit vielen anderen Mitstreitern das Projekt „Neue Dorfmitte Immensen“. Es soll den Ort in die Zukunft führen - mit einem Dorfladen, einem Café und auch einem Gemeindezentrum, das sowohl kirchlichen als auch gesellschaftlichen Zwecken dienen soll. „Wir wollen da auch als Kirche wieder hin“, sagt Thorsten Leißer. „In die Mitte, in das Leben der Menschen.“   

Passenderweise hat Leißer auch beim Volkssport Fußball Mitstreiter gesucht und gefunden, Hendrik Alberts etwa. Der 44-jährige Sozialarbeiter lebt gern in dem kleinen Ort, ist nun gar Vorsitzender des Kirchenvorstands - und will es nicht hinnehmen, dass sich Immensen mehr und mehr zu einer Schlafstadt entwickelt, in der kaum noch Geschäfte vorhanden sind. „Ich will das Leben hier im Ort erhalten“, sagt Alberts. 

So sieht es auch Wiebke Hattendorf. Für die 43-Jährige ist die Mitarbeit in der Kirchengemeinde eine Familienangelegenheit – schon ihre Großeltern und Eltern haben sich in Kirchenvorständen engagiert. „Eine lebendige Kirche gehört einfach zum Dorfleben dazu“, sagt die dreifache Mutter. Hendrik Alberts, Wiebke Hattendorf und die anderen Kirchenvorstände versuchen immer wieder, die anderen Gemeindemitglieder nach ihren Wünschen zu fragen und Veranstaltungsformate zu finden, die auf Interesse stoßen. 

Er sehe es als Auftrag der Kirche, der "Stadt Bestes" zu suchen, sagt Alberts mit einem Bibelzitat aus dem Propheten Jeremia - auch wenn es anstrengend sein könne, die vielen Vorhaben zu koordinieren: „Das kostet echt Körner. Wir haben keine Routinen, wir erfinden vieles neu. Aber es macht auch sehr viel Spaß.“

Stühle statt Bänke, Verkauf des Pfarrhauses, Kauf des Grundstücks hinter der Volksbank, Kirchenrenovierung, Neubau des Gemeindezentrums: Die Kirchengemeinde erlebe gerade an jeder Ecke Aufbruch, schreibt Leißer im Gemeindebrief. Bei so viel Freiraum sei es gut, dennoch immer einen Halt zu haben: „Umso wichtiger ist die Verheißung unseres Gottes: Wir gehen nicht allein. Wir machen uns mutig auf den Weg.“

Alexander Nortrup

Zeit für Freiräume

Das Jahr 2019 stand in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers unter der Überschrift "Zeit für Freiräume": ein Jahr für Aufbrüche und Fragen, für Unterbrechungen, Besinnung und vielleicht auch für Neubeginn. Die Welt verändert sich rasant, was bedeutet das für uns persönlich und für die kirchliche Arbeit? Was wollen wir tun? Was wollen wir lassen oder verändern? Was gibt uns Kraft, und wo finden wir Hoffnung? Wir nehmen uns Zeit und denken auch nach dem Jahresende über "Freiräume" nach. Um des Menschen willen.

Wie Freiräume fruchten

"Jimmy" spielt gern - und lässt nicht gern los. Foto: Jens Schulze
"Jimmy" spielt gern - und lässt nicht gern los. Foto: Jens Schulze

Martin Miehlke hat als Berufsanfänger seine ganz eigenen Wege gefunden, um sich als Pastor in einer Ortsgemeinde Freiräume zu bewahren.

Zum Porträt von Martin Miehlke