"Wir können uns inspirieren lassen"

Tagesthema 27. August 2019

Drei Fragen an den Stader Landessuperintendenten Hans Christian Brandy zur "Fresh X"-Bewegung

Im Januar 2017 hat die hannoversche Landeskirche in Stade bei Hamburg ein Modellprojekt unter dem Titel "Fresh Expressions of Church" ("Neue Ausdrucksformen von Kirche") gestartet. Die zunächst auf fünf Jahre befristete Aktion gehört zu einer missionarischen Bewegung, die unter der Kurzform "Fresh X" ausgehend von England mittlerweile in ganz Deutschland Fuß fasst. Sie wolle Menschen auf neue Art und in sehr unterschiedlichen Formen mit dem Evangelium in Kontakt bringen, sagt der Stader Landessuperintendent Hans Christian Brandy im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Herr Brandy, Fresh X will neue Wege gehen. Warum ist das nötig? 

Hans Christian Brandy: Ich finde es wichtig, dass wir als Kirche immer wieder Neues erproben, indem wir uns auf die Lebensverhältnisse der Menschen einlassen, auch auf neue Formen von Gemeinschaft und von Gemeinde. Niemand stellt die Bedeutung unserer Ortsgemeinden infrage. Aber in unserer hoch ausdifferenzierten Gesellschaft werden wir unterschiedliche Gestalten von Kirche brauchen. Das haben wir ja auch längst: Kirche in der Schule und in evangelischen Klöstern, in City- und Jugendkirchen, in Familienzentren oder am Urlaubsort. Mit nur einer Gestalt erreichen wir nicht alle Milieus und nicht alle Menschen.

epd: Sie waren selbst in England, dem Mutterland von Fresh X. Was können wir von den Briten lernen?

Hans Christian Brandy: In England war die Erosion traditioneller kirchlicher Strukturen früher und weiter fortgeschritten als bei uns. Darauf hat man dort reagiert mit dem Konzept einer missionarisch orientierten Kirche, die Menschen in sehr unterschiedlichen Formen mit dem Evangelium in Kontakt bringen möchte: Gemeinde im Pub und auf einer Skatingbahn, neu gegründete Gemeinden in Brennpunkt-Stadtteilen, gezielte Angebote für Banker in der City, für Alleinerziehende oder für Familien mit Kindern. So entsteht ein buntes Netz unterschiedlicher Formen, die die traditionellen Gemeinden ergänzen, eine "mixed economy", wie die Engländer das nennen. Bewährte und innovative Formen stehen nebeneinander. Das alles kann man in Deutschland nicht einfach kopieren. Aber wir können uns inspirieren lassen zur Experimentierlust, um Menschen auf verschiedene Weise zum Glauben einzuladen. Besonders gut finde ich, dass das in Niedersachsen in unserer Kirche in evangelisch-katholischer Ökumene geschieht durch den Prozess "kirchehoch2". Das ist so deutschlandweit einzigartig.

epd: Was wünschen Sie sich von den Fresh X-Initiativen vor Ort?

Hans Christian Brandy: Die brauchen erst mal "Welpenschutz", solche Pionierprojekte müssen sich ohne Druck entwickeln können. Aber natürlich wünsche ich mir, dass das eine oder andere Leuchtturm-Projekt wächst, bei dem wir sehen, dass Menschen in neuer Weise christliche Gemeinde leben und es die kirchliche Landschaft sichtbar bereichert. Wichtig ist mir, dass wir einerseits Projekte haben, die ganz neu Gemeinde aufbauen wollen, etwa in dem völlig neu entstandenen Stadtteil Riensförde in Stade. Wir haben in zwei Kirchenkreisen der Elbe-Weser-Region aber auch eine Initiative, die gerade die bestehenden Gemeinden begleitet und berät, Neues zu entwickeln. Neue Formen von Gemeinde und neue Ideen in Gemeinden, die es ja auch immer gibt - beides ist wichtig.

Dieter Sell/ epd

Über Fresh X

Kann Kirche neu Gestalt gewinnen für Menschen, die bisher noch keinen Kontakt zu einer Gemeinde haben? Fresh X steht für überraschende und neue Formen von Kirche. Ein Netzwerk unterschiedlicher Kirchen, Organisationen und Werke trägt die junge Bewegung.

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Über Kirchehoch2

Das Fragen nach der Zukunft der Kirche ist bei Kirchehoch2 konsequent ökumenisch. Es orientiert sich an der Ökumene der Sendung: Alles was Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfession gemeinsam tun können, auch zusammen anzugehen und die gemeinsame Sendung in der Welt dabei zu entdecken. In diesem Sinne ist Kirchehoch2 ein Versuch, getragen durch die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers und das Römisch-Katholische Bistum Hildesheim über konfessionelle Grenzen und Lebenswelten hinweg in einen kreativen Austausch zu kommen – und zu bleiben – und Menschen zu vernetzen, die die Zukunft und Mission der Kirche im Blick haben.

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