Bild: Jens Schulze

"Gott liebt die Vielfalt"

Tagesthema 15. Januar 2019

Christen unterschiedlicher Kulturen feiern zusammen Weihnachten

Das "Vater unser" ertönt aus 500 Mündern in der Muttersprache: Japanisch, Vietnamesisch, Spanisch, Arabisch, Persisch, Serbisch, Französisch, Englisch, Deutsch. All diese Stimmen, die beim Hinhören nicht unterschiedlicher sein können, sind sich übereinander gelagert einig. Ein leichter Weihrauchduft zieht durch den Raum der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Hannover. An diesem Wochenende haben Christen aus zehn Kulturen miteinander Weihnachten gefeiert: mit Liedern, Gebeten und einem reich gedeckten Tisch. 

"Gott liebt die Vielfalt", sagt Pastor Michael Rohde als Gastgeber. Aber was brauche es, damit das Miteinander im Alltag besser klappe, fragt er in einer Talkrunde. "Selbst innerhalb desselben Volkes gibt es immer wieder Vorbehalte", ergänzt Thi My Phuong Tran von der vietnamesischen Gemeinde. Tran ist Ende der 1970er Jahre mit ihrer Mutter aus Südvietnam geflohen, sie haben als "Boat People" in Deutschland seitdem Zuflucht gefunden. 

Die meisten Mitglieder ihrer Gemeinde stammten dagegen aus Nordvietnam. Sie waren Vertragsarbeiter in der ehemaligen DDR und kamen nach dem Mauerfall nach Hannover. "Zwischen den beiden Volksgruppen gab es anfangs ganz große Spannungen", erzählt Tran. "Wir mussten miteinander zurechtkommen und haben es mit jedem Tag ein bisschen mehr gelernt." Die Missverständnisse seien im Verlauf der Jahre überwunden worden.

Ehrliches Interesse

Damit das Miteinander klappt, ist ehrliches Interesse an dem Anderen nötig, außerdem Zeit und die Bereitschaft, sich diese Zeit zu nehmen, sagt Pastor Rohde. Doch die wichtigste Regel habe eigentlich Jesus formuliert: "So wie ihr wollt, dass euch die Leute behandeln, so behandelt sie selbst." Vielleicht ist das mit ein Grund, warum das "Interkulturelle Weihnachtsfest" einen so großen Anklang findet. Abayomi Bankole vom Afrikanischen Dachverband Norddeutschland hat es vor etwa zehn Jahren ins Leben gerufen. 

Schon das Datum der Feier spiegelt die Vielfalt wieder: In einigen christlich-orthodoxen Ländern wird Weihnachten nach julianischem Kalender am 7. Januar gefeiert. Inzwischen machen insgesamt elf Gemeinden mit, und das Fest hat sich etabliert: "Einige fragen mich im Sommer schon danach". 

An diesem Wochenende stellt sich das neueste Mitglied vor. Seit fast zehn Jahren kümmert sich die Persische christliche Gemeinde "Licht" um Flüchtlinge aus dem Iran, macht Seelsorge, Missionsarbeit oder Suchtberatung. Gerade bei jungen Menschen spielten Süchte manchmal eine große Rolle, sagt Azadeh Taghipour, von Beruf promovierte Biologin. "Teilweise vielleicht gerade darum, weil so vieles in Iran verboten ist."

Halt geben

Religionen wie das Christentum könnten sich dort nicht frei entfalten, erzählt auch Darya Baniamerian. Die 26-jährige Musikerin ist die Tochter des Pastoren-Ehepaares, das die Gemeinde leitet. Beide Eltern haben sich als Erwachsene zum Christentum bekehrt - aber unabhängig voneinander. Davor hatte sich die Familie getrennt, lebte sieben Jahre lang auseinander. Mit dem christlichen Glauben hätten Mutter und Vater wieder zueinander gefunden, erzählt Darya.

Über soziale Medien wie Telegram oder Instagram versucht die persische Gemeinde, auch den Christen im Iran Halt zu geben. Sie nimmt Predigten auf, produziert Lieder und sogar kleine Theaterstücke. Die Bilder oder Videos lädt sie dann hoch. "Alles im Kurzformat", sagt Taghipour. Und sie kooperiert mit christlichen Medien wie Fernsehsendern, die sich an Standorten außerhalb Irans befinden, um beispielsweise Live-Gottesdienste zu übertragen. Bei Telegram hat die Gemeinde 600 Abonnenten, bei Instagram sind es 3.000. "Wir wollen Menschen mit dem Internet einen Ort geben, an dem sie sich treffen."

Cristina Marina (epd)