Bild: Jens Schulze/Landeskirche Hannovers

"Mit aller Kraft für Demokratie und Europa einsetzen"

Tagesthema 08. Januar 2019

Seit 69 Jahren lädt die Landeskirche Hannovers niedersächsische Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und Kultur zum Jahreswechsel zu einem Empfang ins Kloster Loccum ein. In Erinnerung an Altbischof Hanns Lilje, der den Empfang einst begründete, findet die Veranstaltung inzwischen traditionell am 6. Januar statt, dem Todestag Liljes.

Wie im vergangenen Jahr war der Ablauf auch diesmal wieder leicht verändert: Das übliche Ort des Empfangs, das Refektorium, der ehemalige Speisesaal der Mönche mit seinen hohen gotischen Gewölben und wertvollen alten Büchern, ist wegen Bauarbeiten nicht zugänglich. Deshalb nahmen die Gäste in der Klosterkirche Platz, die extra hochgeheizt wurde.

Landesbischof Ralf Meister und Abt Horst Hirschler standen Seite an Seite an der Tür, um alle Gäste per Handschlag zu begrüßen. Altbischof Hirschler ist bereits seit 1988 einer der Gastgeber - zunächst als Landesbischof, seit 2000 als Abt. Die Reden sind noch immer allein dem Landesbischof, dem Ministerpräsidenten und dem Abt vorbehalten.

"Mit aller Kraft für Demokratie und Europa eintreten"

Ministerpräsident Stephan Weil und Landesbischof Ralf Meister warben dann in ihren Redebeiträgen beide für mehr Engagement für die Demokratie und für Europa und wandten sich gegen Rechtspopulismus. Die überragende Mehrheit der Bevölkerung stehe für einen starken demokratischen Staat und für eine starke Zivilgesellschaft, sagte Weil.

Der Ministerpräsident verwies dabei auf den Hashtag #wirsindmehr, der sich im vergangenen Sommer nach den rechtsmotivierten Ausschreitungen von Chemnitz in den sozialen Netzwerken gebildet hatte. Dennoch drohe ein unverkennbarer Rechtsruck in Europa viele Errungenschaften in Frage zu stellen, warnte Weil vor. Er rief die Bürger dazu auf, "mit aller Kraft" für die Demokratie und für Europa einzutreten und zu kämpfen.

Selbstkritisch sagte Weil, offenbar hätten die Bürger vieles, was an gesellschaftlichem Fortschritt erreicht worden sei, für allzu selbstverständlich genommen. Auch dürfe die "Schere zwischen oben und unten" in der Gesellschaft nicht zu groß werden. Schließlich vermittelten wichtige Funktionsträger zu oft den Eindruck, zu viel mit sich selbst und zu wenig mit den Themen der Gesellschaft beschäftigt zu sein.

Warnung vor Instrumentalisierung von Anschlägen

Bild: Jens Schulze/Landeskirche Hannovers

Landesbischof Meister warnte angesichts der Vorfälle in Amberg und Bottrop davor, dass rechte Parteien die Sorgen der Bürger für ihre Zwecke ausnutzen könnten. Die sozialen Netzwerke und die Medien verstärkten die Ängste durch ihre Berichterstattung um ein Vielfaches, kritisierte Meister. Er bezog sich auf den Angriff jugendlicher Asylsuchender auf Passanten im oberpfälzischen Amberg und die Tat eines 50-jährigen Deutschen in Bottrop, der mit seinem Auto gezielt Gruppen mit Ausländern rammte.

"Die Aufmerksamkeit, die auf Attentäter, Kriminelle, Irregeleitete und auf ihre Taten gelenkt wird, ist unerträglich. Jede blutige Sekunde ist rund um den Erdball verfolgbar", sagte der evangelische Theologe und ergänzte: "In der Erregungskultur der sozialen Medien wird eine Messerstecherei schnell zum Terroranschlag, ein Amoklauf zum Vorboten eines Weltuntergangs, ein Attentäter weckt Schläfer".

Umso wichtiger sei es, von der Sorge zum Hoffen und Handeln zu kommen. "Es liegt an uns, unserer Hoffnung eine sichtbare Gestalt zu geben, indem wir jeden Tag handeln", sagte Meister. Dabei komme es auch darauf an, "die Weiterentwicklung Europas konstruktiv und kritisch zu begleiten".

Partnerschaft mit England

Frieden, Freiheit und Wohlergehen in Europa hätten nach dem Zweiten Weltkrieg als zentrale Ziele dazu geführt, dass Länder sich versöhnt und zu einer Staatengemeinschaft zusammengeschlossen hätten.

"Diesem Erbe sind wir verpflichtet", unterstrich Meister. In diesem Zusammenhang sagte der Landesbischof, er hoffe, dass es über den Brexit hinaus gelingen werde, "eine vertraute und dichte Partnerschaft zu unseren Freunden in England aufzubauen".

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen

Empfang zwischen Tradition und Moderne

Der ehemalige Landesbischof Hanns Lilje hatte 1950 nach seiner Wahl zum Loccumer Abt erstmals zum "Empfang zwischen den Jahren" gebeten. Lilje zu Ehren, der vor 42 Jahren am 6. Januar 1977 starb, wurde die Feier auf den Epiphaniastag (6. Januar) verlegt. Sie ist seitdem der erste offizielle politische Termin des neuen Jahres in Niedersachsen.

Zwischen Tradition und Moderne hat der Empfang bis heute einen besonderen Charakter. Lilje bezeichnete seine Gäste gern als "Notabeln des Landes". So wurden einst die Mitglieder der königlichen Ratsversammlungen in Frankreich genannt. In Loccum beschränkt sich ihre Zahl schon immer auf höchstens 140 Personen. Mehr waren nicht im Refektorium unterzubringen. Ein Zeitzeuge erinnert sich: "Der liebe Gott hatte meist ein Einsehen und schickte Glatteis, so dass nicht jeder kommen konnte und doch noch alle einen Platz fanden."

Bis heute gilt es als etwas Besonderes, auf der Einladungsliste zu stehen. Die Jahre, als die einzige Rolle von Frauen das Kaffeeausschenken war, sind allerdings schon länger vorbei. Margot Käßmann sorgte in den elf Jahren ihrer Amtszeit als Landesbischöfin konsequent dafür, dass die Frauenquote unter den Gästen von Jahr zu Jahr stieg.

Früher wurde neben Kaffee und Butterkuchen nur noch der eine oder andere Schnaps zum Aufwärmen gereicht, bevor sich um 18 Uhr in der Klosterkirche alle zur Andacht, der Hora, versammelten. Heute ist das Angebot um Orangensaft, Sekt und Salzgebäck erweitert.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen