"Nächstenliebe ist ein gemeinsamer Auftrag"

Tagesthema 30. Oktober 2018

Landesbischof Ralf Meister und der katholische Bischof von Hildesheim Heiner Wilmer im Gespräch über den Reformationstag

Die evangelischen und katholischen Kirchen müssen sich nach Ansicht des hannoverschen Landesbischofs Ralf Meister und des Hildesheimer Bischofs Heiner Wilmer gemeinsam für Toleranz und Nächstenliebe engagieren. Es sei ein Gebot des Evangeliums, gegen Menschenverachtung, Ausgrenzung und Rassismus vorzugehen, sagten die Theologen im Gespräch anlässlich des Reformationstages am 31. Oktober. 

Wilmer: "Die Botschaft Jesu ist eine Botschaft der offenen Arme"

"Wir müssen uns zum radikalen Anwalt einer Menschlichkeit ohne Vorbedingungen machen", unterstrich Wilmer (57). Der Bischof des katholischen Bistums Hildesheim, der erst seit wenigen Wochen im Amt ist, fügte hinzu: "Würden wir nicht unser biblisches Erbe verraten, wenn wir uns Flüchtlingen und Migranten nicht gleichermaßen öffneten? Die Botschaft Jesu ist eine Botschaft der offenen Arme."

Auch der Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Meister, plädierte dafür, bereits bestehende Aktionen gegen Fremdenhass aktiv zu unterstützen.

Daneben brauche es kirchliche Feiertage wie den Reformationstag, um gemeinsam über drängende Zukunftsfragen wie Gerechtigkeit und Umwelt nachzudenken: "Zu vielen Menschen fehlt im Moment die Hoffnung, positiv in die Zukunft zu schauen. Manche verharren in einer Nostalgie-Versessenheit, die sie dann mit Begriffen wie Nationalstolz füllen wollen."

Wilmer betonte, dass sich die Rolle der Kirchen verändert habe. "Früher sind wir auf die Menschen von vorne zugegangen, sozusagen 'Face to Face'. Heute lautet das Motto 'Side by Side'. Wir sind Mitsuchende auf dem Pilgerweg des Lebens."

Mit Blick auf den Reformationstag, der in diesem Jahr erstmals gesetzlicher Feiertag in Norddeutschland ist, sprachen sich beide Theologen für ein klares Bekenntnis zur Ökumene aus. Die gegenseitigen Verletzungen der vergangenen Jahrhunderte dürften dabei jedoch nicht ausgeklammert werden.

Protestanten in aller Welt erinnern am 31. Oktober an den Beginn der Reformation durch Martin Luther (1483-1546) und die Entstehung der evangelischen Kirchen vor rund 500 Jahren.

"Uns verbindet mehr, als uns trennt"

Meister: "Reformationstag kann ein symbolisches Zeichen für den versöhnenden Auftrag beider Kirchen werden"

Meister (56) sagte, der Tag, der ursprünglich einmal ein massiver Streitpunkt zwischen beiden Kirchen gewesen sei, könne heute ihre besondere Verbindung deutlich machen: "Wenn uns dies zum Beispiel mit guten, glaubwürdigen und inspirierenden Predigten gelingt, kann der Reformationstag zu einem symbolischen Zeichen für den versöhnenden Auftrag beider Kirchen werden."

Wilmer, der am Reformationstag im evangelischen Braunschweiger Dom predigen wird, betonte ebenfalls das Verbindende beider Konfessionen. "Wir glauben nicht unterschiedlich, sondern gemeinsam. Wir müssen gemeinsam nach vorne gehen und gemeinsam handeln". Jesus habe gesagt "Ich will, dass ihr alle eins seid".

Zu der in seiner Kirche umstrittenen Frage eines gemeinsamen Abendmahls für Ehepaare verschiedener Konfessionen, sagte der katholische Bischof: "Die Eucharistiefeier ist ein Herzstück des Glaubens".

Er setze voraus, dass sich jeder Christ, der zur Kommunion gehe, dieser Bedeutung bewusst sei: "Deshalb würde ich auf keinen Fall jemanden abweisen. Das habe ich auch noch nie getan."

Meister sagte, wenn es irgendwann ein gemeinsames Abendmahl für alle Katholiken und Protestanten gäbe, wäre dies eine große Freude. Der Fokus dürfe aber nicht zu sehr auf die trennenden Fragen wie zum Beispiel die Eucharistie ausgerichtet sein. "Ich wünsche mir ein starkes kirchliches Leben und Wirken in unserer Gesellschaft bei dem wir gar nicht mehr unterscheiden können, welche Konfession das verantwortet."

Schon jetzt gehörten in vielen Kirchengemeinden Begegnungen, gemeinsame Stellungnahmen und Gesten des Miteinanders zum ökumenischen Alltag.

epd Gespräch: Ulrike Millhahn und Charlotte Morgenthal

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Der Thesenanschlag

Hat er oder hat er nicht? Um den Thesenanschlag Martin Luthers ranken sich viele Mythen. Aber hat er nun wirklich seine 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg genagelt?

Der Reformationstag

Am Reformationstag (31. Oktober) erinnern Protestanten in aller Welt an den Beginn der Reformation durch Martin Luther (1483-1546) und die Entstehung der evangelischen Kirche vor rund 500 Jahren. Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Luther seine 95 Thesen gegen die Missstände in der Kirche seiner Zeit, die er der Überlieferung zufolge an die Tür der Wittenberger Schlosskirche nagelte.
Luther wollte die Kirche erneuern und sie zum geistigen Ursprung der Botschaft des Evangeliums zurückführen. Weil sich die mittelalterliche Papstkirche einer Reform verweigerte, kam es zu der von Luther zunächst nicht beabsichtigten Bildung der evangelischen Kirche. Zum 500. Reformationsjubiläum 2017 betonten die leitenden Repräsentanten der evangelischen Kirche ihre Verbundenheit mit der katholischen Kirche.
In Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein ist der 31. Oktober in diesem Jahr erstmals ein regulärer Feiertag. 
Vor allem in Niedersachsen war die Debatte um den Reformationstag kontrovers geführt worden, weil sich jüdische Verbände, die katholische Kirche sowie konfessionslose Gruppen gegen den Tag gewandt hatten. Zum 500. Jahrestag der Reformation am 31. Oktober 2017 war der Tag in ganz Deutschland einmalig arbeitsfrei.

epd

Der Sonntagsmaler zum Reformationstag

Der Sonntagsmaler erklärt den Reformationstag - mit Witz und Pinsel.