Bild: Jens Schulze

„Hier hat Gott mein Leben gerettet“

Tagesthema 21. März 2018

Neuseelands kleinste Kirche steht zwischen Kartoffelfeldern

Ernie Suckling breitet seine Arme aus: „Gott ist so groß“, sagt er. „Und doch findet er hier genügend Platz.“ Der 70-Jährige zeigt auf ein kleines Gebäude, das ganz in der Nähe von seinem Haus südlich von Dargaville steht. Es ist die kleinste Kirche Neuseelands – sie misst gerade einmal 2,3 Quadratmeter.

Suckling stattet dem winzigen Gotteshaus jeden Tag einen Besuch ab – und hat dafür zwei gute Gründe. Der erste ist eher ein profaner: Der rüstige Rentner bewirbt auf seinem Farmland die Süßkartoffel Kumara mit einer einstündigen Show. Bei dem dazugehörigen Ausflug über den Acker bringt er die Besucher zum Schluss auch immer zur „little Chapel“.

Der zweite Grund ist ein sehr persönlicher: Bei Suckling war vor vier Jahren Krebs festgestellt worden. Die Diagnose nahm ihm die Hoffnung auf ein unbeschwertes Weiterleben. „Ich bat den Pfarrer aus Dargaville, mit mir hier zu beten“, erzählt der sonst so fröhliche Mann mit leiser, ernster Stimme. Zur medizinischen Therapie wollte er damals unbedingt auch himmlischen Beistand. „Nun ist alles gut“, resümiert er. „Hier hat Gott mein Leben gerettet.“

"Für glückliche Momente genauso wie für Hilfe suchende Betende“

Die Idee, am Rande der Kartoffelfelder die „little Chapel“ zu bauen, hatte Suckling vor knapp zehn Jahren. 2010 nahm die Vision Gestalt an und im Oktober des selben Jahres wurde dann auch gleich der erste Gottesdienst gefeiert.

Eingefasst von einem weißen, niedrigen Lattenzaun mit einem von roten Rosen geschmückten Gartentor wirkt der Minibau überaus einladend. Im Inneren bietet er Platz für zwei kleine Kirchenbänke. Warmes Licht fällt durch zwei farbige Bleiglasfenster, in denen die Motive Taube und Kreuz eingearbeitet sind.

Gottesdienste, Hochzeiten, Beerdigungen: „Hier hat es schon die unterschiedlichsten Veranstaltungen gegeben“, erzählt Suckling. „Dabei ist die Kirche für alle und alles offen – für glückliche Momente genauso wie für Hilfe suchende Betende.“ Dass er selbst einmal in einer schweren Lebenskrise das Zwiegespräch mit Gott suchen würde, hatte der agile 70-Jährige damals natürlich nicht wissen können. 

„Im Leben ist schließlich auch nicht alles 100prozentig aufeinander abgestimmt.“

Seine Lebenslust sei wieder voll und ganz zurück, versichert Suckling, den alle eigentlich nur Ernie rufen. Mit seiner Show begeistert er kleine und große Besucher von der Süßkartoffel. Unterhaltsam informiert der Farmer über die Kumara. „Das Beste an ihr ist, dass sie wächst, wenn ich schlafe“, freut er sich. Mit einem kleinen Geländewagen oder einem längeren Zug auf Rädern fährt er seine Gäste an den Kumara-Feldern vorbei und erklärt von Anbau, Pflege bis Ernte jede Menge Wissenswertes.

Die Tour führt schließlich zu Ernis Garten, in dem zahlreiche Kuriositäten warten: Da liegt eine mächtige Wurzel neben einem Baum, der mit Glasflaschen geschmückt ist, gleich bei einem verrosteten Traktor und einer hölzernen Schaukel. Höhepunkt – trotz ihrer geringen Höhe – bleibt allerdings die kleine Kirche, die am Ende der Rundfahrt besichtigt wird.

Kirche und Kartoffel – wie passt das zusammen? Ernie überlegt kurz: Gar nicht“, sagt er und lacht. „Im Leben ist schließlich auch nicht alles 100prozentig aufeinander abgestimmt.“

Katrin Schreiter

Beliebtes Gemüse

Das Hauptanbaugebiet der Kumara liegt auf Neuseelands Nordinsel, nördlich von Auckland. Dargaville gilt als die Hauptstadt der Süßkartoffel, die mit ihrem Geschmack zwischen Karotte und Kartoffel zu den Lieblingsbeilagen der „Kiwis“ gehört.

Ernie Suckling bietet – je nach Bedarf – täglich mehrere Kumara-Shows an. Die unterhaltsame Info-Veranstaltung dauert etwa eine Stunde und kostet 10 neuseeländische Dollar (rund 6 Euro).

Kumara-Box, 503 Pouto Road, Dargaville, Neuseeland - Nordinsel