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Die Absolventinnen und Absolventen mit Gert Stührmann (Bild 1, links) und Anne Reichmann (4. von rechts). Bild: Andrea Hesse

„Wir brauchen Sie dringend“

Tagesthema 10. Januar 2018

Zertifikate für die Ausbildung „Pastoralpsychologische*r Berater*in" übergeben

„Das ist beispielhaft und zukunftsweisend – auch für andere Arbeitsfelder“, hob Andreas Wackernagel in seiner Ansprache zur Zertifikatsübergabe hervor. Der Leiter der Institutionsberatung der Nordkirche bezog sich damit auf die enge Zusammenarbeit seiner Kirche mit den evangelischen Landeskirchen in Hannover, Braunschweig und Kurhessen-Waldeck.

Gemeinsam verantworten deren pastoralpsychologische Dienste erstmals die modulare Weiterbildung „Pastoralpsychologische*r Berater*in“, deren Absolventinnen und Absolventen jetzt im Zentrum für Seelsorge in Hannover ihre Zertifikate entgegennahmen. Damit endete eine dreijährige Weiterbildung mit zehn Kurswochen, einer mehrjährigen Lehranalyse, einem Gaststudium an psychoanalytischen Instituten, einem zweijährigen Praktikum an einer Lebensberatungsstelle mit Supervision und umfangreichem Literaturstudium.

Verschiedene Arbeitskontexte

Lothar Mischke, Vorsitzender der Fort- und Weiterbildungskommission der Sektion Tiefenpsychologie in der DGfP (Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie), erläuterte, dass eine gemeinsame Steuerungsgruppe aus den vier Landeskirchen die Weiterbildung fachlich begleitet und die Einhaltung von Qualitätsstandards gewährleistet habe. „Unterschiedliche Kulturen mussten dabei zusammengeführt werden, was wirklich nicht immer einfach war“, so Mischke. Sein Dank galt insbesondere den Kursleitenden Gert Stührmann vom Zentrum für Seelsorge in Hannover und Anne Reichmann aus der Institutionsberatung der Nordkirche.

„Wir brauchen Sie dringend!“, betonte Andras Wackernagel gegenüber den erfolgreichen Absolventinnen und Absolventen. Pastoralpsychologische Beraterinnen und Berater würden in ihren jeweiligen Arbeitskontexten aber auch auf der Ebene der Kirchenkreise und in landeskirchlichen Beratungsprozessen gebraucht. Zur Erläuterung zitierte Wackernagel aus den Zertifikaten, die im Zentrum für Seelsorge überreicht wurden: „Sie sind nun berechtigt zur psychoanalytisch orientierten Seelsorge und Beratung, zur Leitung von psychoanalytisch orientierten Fallbesprechungsgruppen, den sogenannten Balint-Gruppen, und zur themenzentrierten pastoralpsychologischen Fortbildungstätigkeit.“

„Sie können stolz sein auf das, was sie gleistet haben“

Seelsorge
Wahrgenommen zu werden gehört zu den Grundbedürfnissen eines jeden Menschen. Bild: Okapia

Auch Oberlandeskirchenrätin Brigitte Müller aus Braunschweig hob hervor, dass die Absolventinnen und Absolventen in ihrer Landeskirche dringend gebraucht würden; für sie seien bereits konkrete Arbeitsfelder vorgesehen. Unumstritten sei die Weiterbildung in ihren Anfängen auch in Braunschweig nicht gewesen: „Aber wir standen schließlich dazu, wir stehen heute dazu und werden es auch in Zukunft tun. Das kann ich hier schon zusichern“, so Brigitte Müller. Großen Respekt habe sie davor, wieviel Zeit und Kraft die Teilnehmenden in die umfangreiche Weiterbildung investiert hätten, ohne die Kirchengemeinden, für die sie verantwortlich sind, zu vernachlässigen.

Oberkirchenrätin Susanne Kruse-Joost, Leiterin des Referats Sonderseelsorge in Hannover, wies auf die kostbaren Erfahrungen hin, die Angehörige einer pastoralpsychologischen Ausbildungsgruppe machen könnten. „Diese Gruppen bieten Beheimatung, Freiraum und Schutzraum“, so Susanne Kruse-Joost. Aus dieser persönlichen Erfahrung heraus seien pastoralpsychologische Beraterinnen und Berater besonders geeignet, kompetent mit Gruppen zu arbeiten. „Es braucht in der Kirche Gruppen zum Austausch und zur Reflektion“, betonte Kruse-Joost und verwies in diesem Zusammenhang auf den Jahresbericht 2015/16 des Pastoralpsychologischen Dienstes im Zentrum für Seelsorge, in dem die Bedeutung von Gruppen für die kirchliche Arbeit festgestellt wird.

Unmittelbar vor der Übergabe der Zertifikate hatten die Absolventinnen und Absolventen in einem ganztägigen Kolloquium vor einer Prüfungskommission aus Psychoanalytikerinnen und Pastoralpsychologen ihre wissenschaftliche Hausarbeit zu einem pastoralpsychologischen Thema verteidigt. Die Bandbreite reichte von Fällen aus der Beratungsarbeit bis hin zu Gemeindeentwicklungsprozessen, die pastoralpsychologisch reflektiert und gedeutet wurden. „Sie können stolz sein auf das, was sie gleistet haben“, betonte Uwe Hobuß, Moderator des Festaktes im Zentrum für Seelsorge.

Andrea Hesse

Psychoanalytisch orientierte Weiterbildung

In dieser Weiterbildung werden über drei Jahre theologische Wissenschaft und psychoanalytische und humanwissenschaftliche Wissenschaften in einen konstruktiven Dialog gebracht. Durch den Erwerb einer beraterischen Qualifikation erweitern die Absolvent*innen ihr Verstehens- und Handlungsspektrum im Blick auf Einzelne, Gruppen, Organisationen und Texte. Sie erwerben ein Verständnis für interpersonelle Dynamiken, sie können Person, Rolle und Glaube stimmig miteinander verknüpfen.

Das Ziel der nächsten Stufe der Weiterbildung ist die Fähigkeit, Supervision für Einzelne, für Gruppen und Teams durchführen zu können. Supervision hat die Aufgabe, Menschen dabei zu begleiten, komplexe zwischen-menschliche Interaktionen sowie Verflechtungen von Menschen mit Institutionen zu reflektieren, zu klären und zu verstehen. Pastoralpsychologische Supervision
reflektiert die Realität immer auch theologisch und bezieht die Glaubensvorstellungen der Supervisand*innen ein. Sie ist Selbstreflexion der kirchlichen Praxis aus unterschiedlichen Perspektiven.

Die Weiterbildung verbindet seelsorgliche und (lebens-)beraterische Kompetenz
mit Institutionskompetenz und dem Blick auf die Kirche als Organisation und Institution. Inhaltlich werden organisationssoziologische Grundkenntnisse verbunden mit gruppendynamischen Kenntnissen, mit Kenntnissen zu Diagnose und Technik in der Beratung und mit Kenntnissen zur Psychodynamik, die in den vorherigen Stufen erworben wurden.

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