Bild: Katharina Lohmeyer

"Wer bin ich?"

Tagesthema 15. November 2017

Bersenbrücker Schüler bereiten besonderen Gottesdienst vor

"Manchmal stehe ich selber vor dem Spiegel und frage mich: `Wer bin ich? Warum lebe ich überhaupt?´"

Cecilie ist 15 Jahre alt, als sie schwer krank wird und das Bett nicht mehr verlassen kann. Zu Beginn der Weihnachtszeit erscheint ihr der Engel Ariel. Die beiden gehen einen Pakt ein: Er enthüllt ihr die Geheimnisse des Kosmos; sie erklärt ihm das menschliche Leben und Fühlen. Am Ende nimmt Ariel das schwerkranke Mädchen mit auf seine letzte Reise. – Das ist die Geschichte von Jostein Gaarders Bestseller „Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort.“ Es ist die Grundlage für einen ganz besonderen Gottesdienst, den die Klasse F2Q2 der Berufsbildenden Schulen Bersenbrück derzeit vorbereitet. 

Florian, Karolina, Karoline, Jana, Patricia und Jan stehen vor der Pinnwand im Klassenzimmer der F2Q2. Die angehenden Erzieher werden nach ihrer Ausbildung in einer Krippe oder im Kindergarten arbeiten oder – nach einem anschließenden Studium – Lehrer werden. Heute präsentieren sie ihren Mitschülern und Landessuperintendentin Birgit Klostermeier in einer Doppelstunde aber erst einmal die Ergebnisse ihrer Gruppenarbeit. „`Warum lässt Gott Leid zu?´ - das ist eine Frage, die Cecilie dem Engel stellt. Er antwortet: `Gott hat keinen Einfluss darauf, es ist das Schicksal.´ Der Engel erklärt Cecilie, dass es seine Aufgabe ist, das Leiden zu erleichtern“, erklärt Jana, bevor sie ein entsprechendes Schaubild an der Pinnwand befestigt.

Der Stoff, mit dem sich die angehenden Erzieher beschäftigen, ist nicht leicht. Es geht um die Faszination für das Leben und den Tod sowie um den damit verbundenen Schmerz – das sind die Themen des Gothic-Gottesdienstes, den die Schüler unter der Leitung ihres Lehrers, des Pastors Uwe Brand, in diesem Jahr schon zum zweiten Mal gestalten werden – nach ihrer Premiere im November 2016. Schon seit Jahrzehnten gibt es auch in der Region Anhänger der Gothic-Szene, die Außenstehenden vor allem durch ihr auffälliges Äußeres auffallen: Sie sind oft kreidebleich geschminkt, haben tiefschwarz gefärbte Haare und schwarze Kleider, die an das Viktorianische Zeitalter erinnern.

Nach der Präsentation des theoretischen Teils geht es in die praktischen Kleingruppen: Jana, Karoline und Dariana haben aus Pappmaché mehrere Hände und zwei Köpfe gebastelt. Damit werden im Gottesdienst Mitte November in Nortrup die Besucher berührt – von Cecilie und von Ariel. Jetzt werden die Gesichter bemalt. Maria, Sharon und Jan bereiten währenddessen die Textpassagen für den Gottesdienst vor. „Dass wir alle nur Besucher auf dieser Welt sind, das sollte auf jeden Fall auftauchen“, schlägt der 20-jährige Jan aus Kettenkamp vor, „dass es unsere Aufgabe ist, zu beobachten, zu lernen, zu lieben – und dann wieder nach Hause zurückzukehren.“ „Das Thema ist schon etwas schwerer als im letzten Jahr“, verrät die 20-jährige Sharon. 2016 ging es in dem Gottesdienst um Lazarus. Jetzt steht der 1. Korinther 13, 12 im Mittelpunkt: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“

„Manchmal stehe ich selber vor dem Spiegel und frage mich: `Wer bin ich? Warum lebe ich überhaupt?´ - das Thema ist tiefgründiger, aber es betrifft uns eben auch“, sagt Sharon. „Man kann sich gut hineinversetzen. Die Geschichte von Cecilie geht einem schon sehr nahe – gerade, wenn man selbst schon jemanden verloren hat“, erzählt die 25-jährige Maria im Gespräch mit Birgit Klostermeier.

Nebenan spricht die Videogruppe darüber, wie sie den Gottesdienst mitgestalten kann. Die Dortmunder Gothic-Band „The Dark Butterfly“ wird mehrere Stücke spielen, die sie eigens zu dem Thema „Seelenspiegel“ geschrieben hat. Isabelle, Mareen, Florian, Karolina und Patricia werden passend dazu selber filmen, schneiden und komplette Videos produzieren. „Ich könnte meine Unterwasserkamera mitbringen“, schlägt die 20-jährige Mareen vor. „Super“, sagt Florian, „dann können wir von oben rote Farbe ins Waschbecken tropfen lassen und das von unten filmen. Das sieht dann aus wie das Blut, von dem im Lied die Rede ist.“ Hoffnungslosigkeit, eine gewissen Todessehnsucht und Trauer – auch für die Videogruppe sind das keine einfachen Themen. „Wir haben hier aber die Möglichkeit, unsere eigenen Ideen einzubringen. Jeder kann sich ja in das Thema hineinversetzen, und wie wir das dann umsetzen, das ist ja ganz allein unsere Sache – und das motiviert natürlich schon sehr“, sind sich die angehenden Erzieher einig.

Florian interessiert vor allem das technische Know-how, das er sich für die Arbeit an den Videos angelernt hat. Mareen sagt, sie habe gelernt, viel offener gegenüber ihrer Religion zu sein – früher hat sie Gothic überhaupt nicht mit der Kirche in Verbindung gebracht. „Außerdem ist in der Kirche natürlich eine super Akustik“, freut sich Karolina auf den großen Tag Mitte November.

Der Gothic-Gottesdienst in Nortrup ist bereits der fünfte besondere Gottesdienst, den der Religionslehrer Uwe Brand mit seinen Schülern in Bersenbrück auf die Beine stellt. Rund 400 Besucher kamen dazu im vergangenen Jahr in die evangelische Kirche in Nortrup. „Auf die Idee bin ich 2013 durch zwei Schüler gekommen. Sie haben damals ein Referat über das Thema Gothic gehalten. Darin ging es auch um die Faszination der Gothic-Anhänger am Thema Tod“, erzählt Uwe Brand, der inzwischen zum Fachmann für Gothic-Musik geworden ist. „Ich bin in die Szene eingetaucht, um zu gucken, welche Band für uns vielleicht in Frage kommen könnte. 2014 und 2015 hat noch eine Metal-Band von Schülern im Gottesdienst gespielt; im vergangenen Jahr konnten wir dann schon `The Dark Butterfly´ gewinnen.“

„Das `neue Herz´ und den `neuen Geist´, von dem in der Jahreslosung die Rede ist, das wird durch den Gothic-Gottesdienst beides deutlich. Einerseits wird natürlich an diesem Tag ein neuer Geist in die evangelische Kirche in Nortrup einziehen; andererseits hat Uwe Brand in seinen Schülern auch ein neues Herz geweckt. Das sieht man an dem großen Einsatz, den sie hier an den Tag legen, und von dem sie sicher eine Menge für ihr weiteres Leben mitnehmen werden. Dafür kann ich mich bei Pastor Brand nur bedanken“, sagt die Osnabrücker Regionalbischöfin Birgit Klostermeier zum Ende der Doppelstunde im Klassenzimmer der F2Q2 in Bersenbrück.

Für das kommende Jahr könnte sich Pastor Uwe Brand sogar ein eigenes Festival vorstellen, mit mehren Bands. „Oh nein, Herr Brand – bitte nicht!“ ruft eine Schülerin entsetzt und lacht, „dann sind wir doch nicht mehr an der Schule!“

Katharina Lohmeyer

Feste Gottesdienste

Der Bersenbrücker Berufsschulpastor Uwe Brand will mit seinem dritten Gothic-Gottesdienst dieses Format in der evangelischen Dorotheen-Kirche in Nortrup-Loxten bei Osnabrück etablieren. Jedes Jahr im November soll es dann, wie an diesem Sonnabend (18. November), in der neogothischen Kirche eine Feier im Stil der Gothic-Kultur geben, kündigte Brand an: In düsterer Atmosphäre mit Kerzenschein und Nebelschwaden, mit melancholischem Gothic Rock live von einer Band und Gedanken zu Leben und Tod. "Die Szene ist sehr reflektiert, was Lebensfragen angeht. Das passt sehr gut in einen christlichen Gottesdienst."

Brand wird die Feier ab 19 Uhr gemeinsam mit der Band "The Dark Butterfly" aus Dortmund sowie seiner Klasse für Erzieherinnen und Erzieher der Berufsbildenden Schulen gestalten. Sie steht unter dem Motto "Seelenspiegel". Es bezieht sich sowohl auf das gleichnamige neue Album der Band wie auch auf das Buch "Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort" des norwegischen Autors Jostein Gaarder. Die Schüler haben dazu Spielszenen und Videos entwickelt. Der Pastor hatte 2013 zum ersten Gothic-Gottesdienst in Norddeutschland eingeladen.

Brand sagte, auch wenn das Erscheinungsbild der Gothic-Anhänger mitunter manchmal fremd wirke, sei ihre Auseinandersetzung mit existenziellen Themen sehr ernsthaft. Viele trügen schwarze lange Mäntel und Piercings, färbten ihre Haare schwarz und schminkten ihre Gesichter blass. 

"Die schwarze Szene beschäftigt sich intensiv mit der Frage: Wo komme ich her, wo gehe ich hin?", erläuterte der Pfarrer. Fragen nach den letzten Dingen, nach der Endlichkeit und dem, was nach dem Tod komme, trieben sie um. Bei der Suche nach Antworten machten sie oft Anleihen bei anderen Religionen oder auch im esoterischen Bereich. "Das gibt uns im Gottesdienst die Möglichkeit, theologisch mal über den Tellerrand zu schauen". 

Die Botschaft des Gothic-Gottesdienste bleibe aber eine christliche, betonte Brand. Sie werde lediglich etwas anders verpackt als in traditionellen Gottesdiensten. Viele junge Menschen könnten die klassischen theologischen Formulierungen, wie sie etwa im Glaubensbekenntnis vorkämen, nicht mehr verstehen. Da sei es angebracht, neue Formen der Vermittlung auszuprobieren, erläutere Brand. Er wolle den Menschen sagen: "Kirche nimmt euch wahr und macht ein Angebot für euch. Wie haben die gleichen Fragen. Unsere Antworten sind allerdings andere. Aber es lohnt sich für euch, darüber nachzudenken."

Der große Zuspruch von zuletzt 400 Gästen habe ihn zusätzlich ermutigt, daraus ein regelmäßiges Angebot zu machen. Davon hätten im Übrigen nur rund 100 der Gothic-Szene angehört. "Das interessiert offensichtlich auch andere Menschen, die sich von der besonderen Inszenierung angesprochen fühlen. Wir hatten sogar 80-Jährige und katholische Messdiener unter den Besuchern." 

Martina Schwager