Bild: Johannes Neukirch

Neue Wege

Tagesthema 12. Oktober 2017

Modellprojekt erforscht Einfluss von Klimaschwankungen durch Besucher

Mit einem Modellprojekt in der Celler Schlosskapelle wollen Denkmalschützer und Wissenschaftler neue Wege in der Verbindung von Denkmalschutz und der Nutzung historischer Gebäude ausloten. Die 1485 errichtete Kapelle im Residenzschloss Celle gilt als einmaliges Zeugnis der Kirchenkunst aus frühprotestantischer Zeit. Seit 1995 kann sie nur durch eine Glasscheibe besichtigt werden. Jetzt solle untersucht werden, inwieweit sie wieder zugänglich gemacht werden könne, ohne das "herausragende Baudenkmal" zu beschädigen, sagte die Präsidentin des niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, Christina Krafczyk, am Mittwoch in Celle.

Testfall ist dabei ein Gottesdienst anlässlich des 500. Reformationsjubiläums, den der hannoversche Landesbischof Ralf Meister am 25. Oktober in der evangelischen Kapelle hält. 2018 sollen weitere Veranstaltungen folgen, bei denen die Wissenschaftler unter anderem Klimaschwankungen in dem empfindlichen Raum aufzeichnen wollen, wie der Projektleiter des Landesamtes, Erwin Stadlbauer, erläuterte. Diese Daten seien später die Basis für Simulationen, mit denen in einem per Laserscan aufgezeichneten dreidimensionalen Modell der Kapelle virtuell geprüft werden solle, welche Belastungen das historische Kleinod aushalte. 

Ein Touristenmagnet

Die zwischen 1565 und 1576 reich ausgemalte Kapelle ist ein Touristenmagnet. In den 1980er und 90er Jahren zog sie bis zu 70.000 Besucher pro Jahr an. Die Folgen waren aus Sicht des Denkmalschutzes Schimmelbefall, gerissene Holztafeln und abgeplatzte Grafiken durch Feuchtigkeit etwa in der Atemluft. Aktuell laufen weitere Instandsetzungsmaßnahmen. Das Modellprojekt könne auch Erkenntnisse für andere historische Gebäude liefern, sagte Stadlbauer. Beteiligt sind Wissenschaftler aus Hildesheim, Braunschweig und Stuttgart.

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert das Projekt mit 125.000 Euro. Insgesamt 145.000 Euro kommen vom Land Niedersachsen, dem die Kapelle gehört. Zu den weiteren Unterstützern zählen die hannoversche Landeskirche und die Stadt Celle. Der landeskirchliche Baudirektor Werner Lemke erhofft sich auch Erkenntnisse für die insgesamt 1066 Kirchen und Kapellen der evangelischen Landeskirche. Klimaschwankungen seien ein hoher Kostenfaktor bei der Instandsetzung, sagte er. "Wir sind gespannt auf das Ergebnis."

Das Schöne bewahren

Die angehende Celler Superintendentin Andrea Burgk-Lempart hofft, dass weitere Gottesdienste in der Kapelle gefeiert werden können. Die Kapelle vereine Generationen im christlichen Glauben, sagte sie. Zugleich sei das neue Projekt ein Beispiel für den nachhaltigen Umgang mit einem historischen Kleinod. "Das, was schön ist und was wir lieben, wollen wir auch bewahren."

epd

Die Schlosskapelle ist das historische Herz Celles. Sie steht immer noch im Mittelpunkt unseres Interesses – kirchlich, kulturell, touristisch – und wir sind den verschiedenen Institutionen dankbar für das hier gezeigte finanzielle und wissenschaftliche Engagement. Wenn am 25. Oktober nach Jahrzehnten erstmals wieder ein Gottesdienst in der Kapelle gefeiert wer-den kann, wurde ein Kleinod wieder zum Leben erweckt, das für unser Land eine besondere Bedeutung hat. 

Celler Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge

Schlosskapelle im Film

Celle startet ein bundesweit einmaliges Modellprojekt. Die Schlosskapelle wird seit 20 Jahren aus Denkmalschutzgründen nicht mehr genutzt. Das soll sich nun ändern. "Hallo Niedersachsen" war mit einem Kamerateam vor Ort.

Zum Film im NDR

Hintergrund

Die 1485 errichtete Schlosskapelle in Celle gilt als einmaliges Zeugnis der Kirchenkunst aus frühprotestantischer Zeit. Zwischen 1565 und 1576 ließ Herzog Wilhelm der Jüngere zu Braunschweig-Lüneburg die Kapelle in dem welfischen Residenzschloss neu gestalten und reich ausmalen. Auf einer Grundfläche von neun mal 14 Metern gibt sie einen Eindruck davon, wie sich die Lehren Martin Luthers (1483-1546) in der Ausstattung eines Kirchenraumes niederschlugen. 

In der Kapelle hat Wilhelm die Erkenntnisse ins Bild gesetzt, die schon sein Vater Herzog Ernst zu Braunschweig-Lüneburg (1497-1546) aus Wittenberg mitgebracht hatte, der Wirkungsstätte Luthers. Der wegen seiner Begeisterung für die Lehren des Reformators später auch "der Bekenner" genannte Ernst war ein Wegbereiter der Reformation in Norddeutschland. Bereits 1524 setzte er sie in der Residenzstadt Celle, ab 1527 dann in seinem Fürstentum durch.

In den Gemälden bedeutender Künstlern der Zeit sind in der Kapelle unter anderem Werke der Barmherzigkeit abgebildet. Immer ist dabei auch Herzog Wilhelm dargestellt, der etwa Hungrigen das Brot bringt oder Menschen die Bibel vorliest - mit der Reformation kam dem Fürsten neue Macht zu. Zugleich ist der Herzogssitz in der Kapelle zur Kanzel hin ausgerichtet, denn nach lutherischer Lehre hat die Auslegung der Bibel durch den Prediger einen besonderen Stellenwert. 

Weil die Atemluft der einst vielen Gäste das Raumklima verändert und damit Malereien und Reliefs gefährdet hatte, ist der Blick in das historische Kleinod im Residenzschloss seit mehr als 20 Jahren nur durch eine Glasscheibe möglich. Das Land Niedersachsen untersucht derzeit zusammen mit der Stadt Celle, der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und Fachleuten, ob eine weitere Öffnung möglich ist. 

epd