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"Keine Massenware"

Tagesthema 16. September 2017

Andacht zum 14. Sonntag nach Trinitatis

Mein Dienst im „Erlebnisraum Taufe“ in Wittenberg klingt noch nach. Nicht nur die Besucher*innen, auch wir Diensthabende haben dort Unterschiedliches erlebt. Oft denke ich an den älteren Herrn, der aus dem Filmraum kommend in Sekundenschnelle am Taufbecken (und mir) vorbei gehuscht war, dann aber zehn Minuten später überraschend durch den hinteren Eingang erneut eintrat. „Meine Frau hat gesagt, ich hätte das Beste verpasst, ein persönliches Wort und einen Segen am Taufbecken. Jetzt komme ich nochmal zurück. Das will ich doch nicht verpassen! “ erklärte er schmunzelnd. „Wie gut, dass die beiden darüber gesprochen haben, “ denke  ich, Werbung für die Sache des Evangeliums können wir gebrauchen.

Am anderen Tag jedoch erleben wir einen Besucherandrang und in uns zuweilen ganz andere Reaktionen: schließlich wollen wir keine „Segensroboter“ werden (so hieß das umstrittene Angebot bei der Lichtkirche), die ohne persönlichen Kontakt die Botschaft verschleudern. Vermittlung eines heilsamen Rituals braucht Kraft und Aufmerksamkeit, sonst stellt sich Ermüdung ein.

Jesus weiß genau, warum er sich die Leute vom Leib halten will. Massenheilungen sieht er nicht als Ziel und Auftrag seiner Verkündigung an. Er ist froh über die Frage des Aussätzigen: „Willst du mich heilen?“  Der Bittsteller zeigt in dieser Frage ein tiefes Wissen: Nicht nur gesund werden, auch gesund machen erfordert den klaren Willen der Beteiligten. Die Handlung erfordert Aufmerksamkeit und Bereitschaft, sich der Beziehung zu öffnen.

Die Frage des Kranken eröffnet für Jesus grundsätzlich auch die Möglichkeit „Nein“ zu sagen und eigene Grenzen zu respektieren. Ein „Nein“ hat der Kranke vermutlich geradezu erwartet: schließlich war er als „kultisch unrein“ geltender Aussätziger sozialen  Ausschluss und Berührungsängste gewohnt. Aufmerksam lese ich (V. 43), dass Jesus die kultische Grenze zwar überraschend durchbricht, andererseits aber den geheilten Menschen schnell wieder loswerden will. So, als bereue er, die körperliche Nähe zugelassen zu haben. In diesem Duktus bittet er ihn, die Verschwiegenheitsgrenze zu wahren und lediglich in der üblichen Weise im Tempel seinen Dank auszudrücken.

Das Schweigegebot wirkt jedoch wie eine paradoxe Intervention: sie bewirkt das Gegenteil, die Leute kommen in Scharen. Jesus kann den Ansturm nicht bewältigen und muss sich an einsame Orte zurückziehen.  Das, was er am meisten befürchtete, ist eingetreten. Dieses und die weiteren Schweigegebote in den Evangelien geben Rätsel auf. Offenbar aber will Jesus nicht Heilung verschleudern, nicht von Schaulustigen neugierig bestaunt werden. Seine Messianität soll verstanden werden im Licht von Kreuz und Auferstehung. Billiger und einfacher ist es nicht zu haben. Schließlich liegt das Heil nicht auf der Straße. Oder?

Pastorin Bettina Rehbein

Der Bibeltext

Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden.

Mk 1, 40-45