Bild: Chris Gossmann

Leidenschaftliches Plädoyer

Tagesthema 02. Juni 2017

Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert auf dem Empfang des Sprengels Hildesheim-Göttingen am 31. Mai 2017 in der Michaeliskirche Hildesheim

Bundestagspräsident Norbert Lammert war Redner auf dem diesjährigen Empfang des Sprengels Hildesheim-Göttingen der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Landessuperintendent Eckhard Gorka freute sich sichtlich, dass es gelungen war, Prof. Lammert nach Hildesheim einzuladen, trotz Sitzungswoche im Deutschen Bundestag. Deswegen war nur ein kurzer Besuch des Bundestagspräsidenten in der Stadt an der Innerste möglich. Doch setzte dieser deutliche Zeichen in Hinsicht darauf, was Lammert auch in seinem Vortrag besonders herausstellte: Ein Zusammenwachsen der christlichen Konfessionen. Das müsse endlich, so Lammert, über den Begriff einer „versöhnten Verschiedenheit“ hinaus zu einer gemeinsamen Kirche führen. Daneben unterstrich der Bundestagspräsident die Bedeutung von Religion gerade auch für moderne, demokratische Gesellschaften.

Lammert, dem als Katholik die Ökumene seit langem besonders am Herzen liegt und der zu den Erstunterzeichnern der Initiative „Ökumene jetzt“ gehört, legte Wert darauf, vor dem Empfang des evangelischen Sprengels in der Hildesheimer Michaeliskirche auch den katholischen Hildesheimer Dom zu besuchen. Gemeinsam mit Landessuperintendent Eckhard Gorka wurde er dort von Bischof Norbert Trelle herzlich willkommen geheißen. An Bernwardstür, Heziloleuchter und am blühenden tausendjährigen Rosenstock verdeutliche der stellvertretende Leiter des Dommuseums, Dr. Gerhard Lutz, bei einem Rundgang exemplarisch die religiöse und politische Entwicklung von Stadt und Kirche.

„Zwischen Reformation und Resignation"

​Vor rund 850 Gästen aus Politik, Verwaltung und öffentlichem Leben hielt der begeisterungsfähige Redner in der Michaeliskirche einen Vortrag unter der Überschrift „Zwischen Reformation und Resignation. Die Verantwortung von Christen in Staat und Gesellschaft“. Unter anderem führte Lammert aus, welchen gemeinschaftsstiftenden Wert Verfassungen wie das deutsche Grundgesetz haben. Er bezog sich dabei auch auf die religiösen Bezüge, die in den staatsphilosophischen Schriften von Immanuel Kant,  John Locke oder Alexis de Tocqueville zu finden sind.

Mit dem Blick des Sozialwissenschaftlers und als Politikprofi benannte er die Widersprüchlichkeit in der Geschichte europäischer Gesellschaften, was die Trennung von Religion und Staat anbetrifft: „Wir haben die auch intellektuell einigermaßen anspruchsvolle Situation, dass zu den Definitionsbedingungen der Demokratie die Trennung von Staat bzw. Politik auf der einen Seite und von Religion bzw. Kirche auf der anderen Seite gehört. Eine Trennung allerdings, die es ohne den Beitrag der Religion zur Kulturgeschichte dieses Kontinents nicht gäbe.“ Gerade hier, in der Kultur, sieht Lammert den Zusammenhalt einer Gesellschaft gegründet: „Er kann nicht durch Wirtschaft gestiftet werden, schon gar nicht durch Geld. Und er wird auch nicht durch Politik gestiftet. Das, was eine Gesellschaft im Inneren zusammenhält, sind Überzeugungen, Orientierungen, Erfahrungen, von denen eine Gesellschaft über Generationen hinweg den gemeinsamen Eindruck bekommen hat, dass sie einen Geltungsanspruch haben dürfen oder müssen.“

"Zu Überzeugungen stehen"

Mit dem Hinweis auf die Bedeutung des Grundgesetzes und der Formulierung „vor Gott und den Menschen“ in seiner Präambel schloss Lammert den Bogen an zur Verantwortung des Individuums. Er bezog dieses dann auch konkret auf das Zusammenleben der Konfessionen. Mit dem Begriff „versöhnter Verschiedenheit“ zwischen evangelischer und katholischer Kirche werde ein „bequemer und gemütlicher status-quo“ zwischen den Kirchen quasi festgeschrieben: „So viel Freundlichkeit, so viel gegenseitiges Verständnis wie heute war nie zwischen den Kirchen.“ Gegen die Herstellung einer Einheit sprächen aber wohl weniger einzelne historische und theologische Gründe als denn mehr das „Selbstbehauptungsbedürfnis von Institutionen“.

Der Weg zur Einheit dürfe daher wohl nicht nur von Kirchenleitungen erwartet werden „schon gar nicht alleine“. „Sondern hier ist unsere Verantwortung als Christen gefragt, unser Urteilsvermögen, im reformatorischen Sinne ,die Freiheit eines Christenmenschen`, zu seinen Überzeugungen zu stehen.“

Helge Meyn-Hellberg

Ohne Gott ist kein Staat zu machen, schon gar kein moderner Staat, Aber Gott macht keinen Staat, das müssen wir schon selber tun. Er gründet auch keine Kirchen. Er spaltet sie nicht. Er führt sie auch nicht wieder zusammen. Das müssen wir selber tun. Es ist unsere Verantwortung - vor Gott und den Menschen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Rede auf dem Empfang des Sprengels Hildesheim-Göttingen

Der Sprengel

Zum Sprengel Hildesheim-Göttingen gehören die neun Kirchenkreise Göttingen, Hameln-Pyrmont, Harzer Land, Hildesheimer Land-Alfeld, Hildesheim-Sarstedt, Holzminden-Bodenwerder, Leine-Solling, Münden und Peine.

Die Landschaft ist geprägt von den Mittelgebirgen Harz und Solling, den Flüssen Weser und Leine, der Hildesheimer Börde und der Peiner Geestlandschaft. Neben vielen Dörfern und kleineren Städten gehören auch die Großstädte Hildesheim mit der UNESCO-Welterbekirche St. Michaelis und Göttingen mit der Georg-August-Universität zum Sprengel. Hameln, Holzminden und Northeim sind Städte mittlerer Größe.

Kirchliches Leben findet in vielfältiger Weise in den zahlreichen Kirchengemeinden und Einrichtungen statt, daneben auch in den Kloster-Bildungsstätten Amelungsborn und Bursfelde.

Landessuperintendent des Sprengels ist Eckhard Gorka.

landeskirche-hannovers.de

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