Bild: Günter Lühning

Bürgerinitiativen halten das Dorf zusammen

Tagesthema 31. Mai 2017

Vereine und Genossenschaften werden nach Ladenschließungen aktiv

Der Dorfladen ist das einzige Geschäft im 500-Einwohner-Dorf Otersen im Landkreis Verden, sein Café die einzige Gaststätte - und damit Treffpunkt für Nähzirkel, Nachbarn und Seniorengruppen. Wirtschaft und soziale Aufgaben, "die kann man hier gar nicht trennen", sagt Günter Lühning, Mit-Gründer und im Vorstand des Dorfladen-Vereins.  

Der Laden gehört den mittlerweile 160 Vereinsmitgliedern - allesamt Dorfbewohner: Sie haben 422 Unternehmensanteile in Höhe von je 250 Euro gezeichnet, ein Gebäude gekauft, es ehrenamtlich saniert. "Ohne uns Bürger gäbe es hier gar nichts mehr", sagt der Sparkassen-Filialleiter. Vor fast 20 Jahren schloss der einzige Supermarkt, die Gaststätte folgte. "Wie fast alle Dorfläden sind auch wir entstanden, weil sich die freie Wirtschaft zurückgezogen hat und wir aber kein totes Dorf wollen", sagt Lühning, der auch Vorsitzender der Bundesvereinigung der Dorfläden ist. 200 Dorfläden gibt es mittlerweile bundesweit. Tendenz: steigend - "obwohl es für kleine Bürgerunternehmen noch immer zu viele Hürden gibt".

Um diese Hindernisse abzubauen, brachte die Bundesregierung im März einen Gesetzentwurf ins Parlament. Er sieht vereinfachte Prüfungen von Mini-Genossenschaften und verbesserten Zugang zu der Rechtsform "Wirtschaftlicher Verein" vor, mit dem Verbandsprüfungen wegfielen. Die Ländervertreter im Bundesrat sehen das kritisch und warnen vor weniger Gläubigersicherheit und dem Risiko der Geldwäsche. 

Welche Rechtsform ist die Richtige? Diese Diskussion führten auch die Dorfladen-Eigner in Otersen lange. "Die genossenschaftliche Idee passt eigentlich sehr gut zu uns", sagt Lühning. "Auch wir besitzen, entscheiden und nutzen zusammen." Aber: Als Rechtsform fanden sie die eingetragene Genossenschaft "zu aufwendig und zu teuer". Weil der Umsatz "wie bei allen Dorfläden" weit unter einer Million Euro liegt, gibt es zwar nur alle zwei Jahre eine Pflichtprüfung durch einen genossenschaftlichen Prüfverband. Die rund 3.000 Euro spüren kleine Läden aber schmerzhaft, "die fehlen dann, wenn etwas kaputtgeht oder wegen Gesetzesänderungen wie Digital-Kassen Pflicht werden wie aktuell". 

Der Dorfladen Otersen ist aus diesen Gründen inzwischen ein wirtschaftlicher Verein. Eine Rechtsform, die in den meisten Bundesländern nicht genehmigt wird. Der Vereinszweck ist ein wirtschaftlicher statt ein ideeller, dennoch unterliegt er dem Vereinsrecht - eine Prüfungsverbandspflicht gibt es nicht. "Das erleichtert Wirtschaften durch Bürgerschaften und würde zu mehr Gründungen führen", glaubt Mathias Fiedler, Vorstandssprecher des Zentralverbandes deutscher Konsumgenossenschaften (ZdK) in Hamburg, in dem viele Dorfläden Mitglied sind. Unsicher sei die Rechtsform keineswegs: "Die Insolvenzquote von Vereinen ist sehr niedrig."

Nur 0,6 Prozent der Vereine gingen 2016 pleite, zeigt eine Erhebung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Genossenschaften sind mit 0,1 Prozent Insolvenzen noch stabiler. Das liegt auch an der genossenschaftlichen Prüfung, sagt Andreas Wieg, Sprecher des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes. Denn zu den Prüfungen gehöre viel Beratung, die für die Unternehmensführung hilfreich sei. 

Einen wirtschaftlichen Verein sieht Wieg dennoch als "gute Lösung für kleine bürgerschaftliche Initiativen, denen dieser Aufwand zu groß ist". Es senke die Einstiegsschwelle: "Wer für diese Kleinst-Initiativen totale Sicherheit fordert, wird das nicht erreichen." 

Dass sich Bürger in Deutschland vermehrt zusammenschließen, um gemeinsam Angebote vor Ort zu schaffen, beobachtet Wieg auch bei neuen Genossenschaftsgründungen. "Da werden Bahnhofsgebäude zu Bürger-Treffpunkten entwickelt, Hallenbäder und Eissporthallen gerettet." Die Bürger nähmen die Verbesserung ihrer Infrastruktur zunehmend selbst in die Hand, "dahinter steht dann die genossenschaftliche Grundidee, zusammen für gemeinsame Ziele zu wirtschaften". Auch als Verein wie der Dorfladen Otersen.

Miriam Bunjes (epd)

Der Dorfladen

Mit dem 2001 eröffneten „Dorfladen – von Bürgern für Bürger“, der 2011 am neuen Standort im vereinseigenen Gebäude um ein Mehrgenerationen-Dorfcafe erweitert wurde, liefert Otersen vielfältige Antworten auf die Fragen des Demografischen Wandels, der Nahversorgung im ländlichen Raum und der Sicherung der Lebensqualität für die Menschen auf dem Lande.

Vor drei Jahren gehörte das Projekt zu den Preisträgern des Bundeswettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“. Und es geht weiter: Ehrenamtlichencafés, Feiern oder spezielle Mittagstische - der Laden und das dazugehörige Café bieten immer wieder neues an.

www.dorfladen-otersen.de

Zur Internetseite des Dorfladens

Dorfläden  von Bürgern für Bürger sind Selbsthilfe-Einrichtungen aktiver
Dorfgemeinschaften, die für Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit sorgen.

Günter Lühning, Vorstand des Dorfladen-Vereins

Im eigenen Laden einkaufen

Warum ist Gemeinschaft wichtig? Und was macht eine Gemeinde sonst noch stark? Günter Lühning, Vorsitzender des Vereins Dorfladen Otersen und Gemeinderatsmitglied, weiß, dass der Alltag im ländlichen Raum nicht immer romantisch ist -- und erläutert, wie viel Realismus es an welcher Stelle braucht. Hier ein Interview mit "Deutschland - Land der Ideen", einer gemeinsamen Standortinitiative von Wirtschaft und Bundesregierung. 

Land der Ideen