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Störungen haben Vorrang

Tagesthema 13. Mai 2017

Andacht zum Sonntag Kantate

„Kann man mal machen“ lautet ein ostwestfälisches Lob, zum Beispiel nach einem gelungenen, ungewöhnlichen Gottesdienst. Die Störung des normalen Ablaufs, die Alternative zum Gewohnten oder immer Gleichen kann gut und unterhaltsam sein, Spaß und Sinn machen. Gerade im Gottesdienst, besonders in der Kirche! Denn das Gewohnte ist oft das langatmig Langweilige, was niemanden vom Hocker reißt, keiner wehtut, selten begeistert, fast alle kalt lässt.

Aber wie es im Ruhrgebiet heißt: „Es gibt immer sonne und sonne“. Es gibt heilsame Störungen und no gos. Für den wütenden Jesus der Tempelreinigung waren Konsum und Kommerz solche no gos im Tempel. Er stieß die Tische der Händler und Wechsler um und empörte sich lautstark. Stattdessen begann er mit einem diakonisch-therapeutischen Alternativprogramm, wie es der Bibeltext beschreibt: Er heilte „Blinde und Lahme im Tempel“. Das so provozierte Kindergeschrei zusammen mit den Jubelrufen: „Hosianna dem Sohn Davids!“ störte wiederum die etablierten Funktionsträger, die mit den Verkaufsveranstaltungen im Tempel keine Probleme hatten. Sie gehen Jesus daher an und empören sich. Und Jesus? Er zitiert den 8. Psalm, macht auf dem Absatz kehrt und lässt die Gestörten verstört zurück.

Nun lässt sich trefflich spekulieren, was die Hohenpriester und Schriftgelehrten mehr gestört hat: das Kindergeschrei an sich oder sein Inhalt, die Anerkennung Jesu. Wahrscheinlich beides. Wichtiger ist aber Jesu biblische Reaktion, sein Hinweis auf die Größe Gottes, der sich sein Lob aus angeblich unberufenem Munde bereitet. Ein zarter bis starker Wink in diese Richtung: Könnte es sein, dass es für Gott gar keinen unberufenen Mund gibt, so wenig wie eine wirkliche Störung?

Könnte es in dieser Spur bleibend heilsam sein, dass auch wir neu darüber nachdenken, was wirklich stört in unseren Kirchen, Veranstaltungen und Gottesdiensten? Ist es Kindergeschrei im Taufgottesdienst? Sind es während der Predigt tuschelnde Konfirmandinnen oder stört nur noch der Pastor? Ist es das Gewohnte bis immer Gleiche im ‚normalen‘ Gottesdienst, das Unispirierte mancher Darbietung, was etliche Zeitgenossen so stört, dass sie mit den Füßen abstimmen? 

Ist es nicht Zeit, viel mehr heilsame Störungen bewusst zu inszenieren? Ich denke an das Kunstwerk, das einen neuen Blick auf das Altbekannte ermöglicht, gerade weil es verstört, irritiert, ja provoziert. Wenn gute Kunst mehr ist als Deko, Oberfläche und Lack, dann kann sie uns gerade durch ihre Widerständigkeit inspirieren, das Altbekannte neu entdecken lassen. Als Kirche haben wir hoffentlich auch mehr als eine Kuschelfunktion. Wenn wir nicht mehr stören, zum Beispiel bei Populismus, postfaktischen Anmaßungen und Vergeltungsspiralen, wer braucht uns dann?

Gerade am Sonntag Kantate, also: Singet! kann es eine wunderbare Störung sein, nicht nur die schönen, alten Choräle erklingen zu lassen, sondern auch den Dialog mit einem kunstvollen Popsong zu suchen. 1978, kurz vor seiner sogenannten christlichen Phase, dichtete und sang Bob Dylan in Anspielung auf die Tempelreinigung Jesu in seinem Song „Señor (Tales Of Yankee Power)“: 

„Señor, señor, let’s disconnect these cables
Overturn these tables
This place don’t make sense to me no more
Can you tell me what we’re waiting for, señor?”

Señor, señor, lass uns diese Kabel ausstöpseln
Diese Tische umwerfen
Dieser Ort macht keinen Sinn mehr für mich
Kannst du mir sagen, worauf wir warten, Señor?"

Kann man mal machen!

Pastor Dr. Matthias Surall, Beauftragter für Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste

Der Bibeltext

Und es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«? Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Mt 21, 14 – 17