Bild: Norman Klaß

Hoffnung

Tagesthema 16. April 2017

Andacht zu Ostern

„Ich habe noch Blumen / aus der Wildnis im Arme, / ich habe noch Tau in meinen Haaren / aus Tälern der Menschenfrühe.“

Diese Bruchstücke frommer Poesie von Gertrud von le Fort (1876-1971) berühren Karfreitag und Ostern auf behutsame Weise.

Sie lassen an die Menschen denken, die als Zeuginnen und Zeugen der Kreuzigung unter dem Kreuz geblieben sind. Als alle fliehen, bleiben sie. Durch den Schleier ihrer Tränen sehen sie nur verschwommen.

Es ist, als trügen sie den Karfreitag wie ein Dornengebinde im Arm. Lange ist da keine Spur von ausgelassenem Osterjubel. Tief hat die Kreuzigung Spuren ins Leben gegraben.

Wie wandeln sich die Dornengebinde in den Armen in Blumen neuen Lebens? Wann befreit sich der Lobpreis  aus dem Schweigen? Wann leuchtet neues Leben im Licht des österlichen Morgens? Wann ändert sich etwas in unserer Gesellschaft, die zutiefst unsicher ist über ihren Weg? 

Die Grundlagen auf denen unser Miteinander ruht, werden zweifelhaft: Die unbedingte Achtung des Fremden, die bedingungslos gewährte Barmherzigkeit, das Geschenk der Gnade, die gemeinsamen Tränen über alle Gewalt, die Versöhnung mit Tätern.

Viele große Bewegungen, die aus unserem Glauben prägend sind, drohen verloren zu gehen. Wir kennen die Argumente, wir kennen die Scheu und die Sorge vor der Religion. Jeder religiöse Satz, egal von wem gesprochen, wird schnell als ein unlauterer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte empfunden.

Ja, richtig: Wir wissen um die Schuld, die im Namen des Glaubens entstanden ist. Und dennoch: Ist diese Welt ohne Religion nur ein wenig humaner geworden, menschenfreundlicher?

Ostern kommt und zeigt das menschenfreundliche Gesicht der Religion inmitten allen Leidens, aller Ängste, aller Trauer.

Nicht mit einer mächtigen Proklamation. Auferstehung  ist eine Kraft, die aus der Kreuzigung kommt und das Leben behutsam und mit Hoffnung durchdringt. Sie lässt uns zurückkehren aus Tränen, Schweigen und Ratlosigkeit. „Christ ist erstanden!“.

Dieser Ruf trägt nicht, wo er als steile Behauptung daherkommt. Es gehört eine tiefe Erfahrung zu ihm. Erst dann sprießen Blumen aus Dornen. Ein Lobpreis entwindet sich dem Schweigen und eine Hoffnung sprengt die Furcht.

Deshalb sprechen wir von der Hoffnung, die uns erfüllt, durch alle Kreuzigungserfahrung hindurch. „Christ ist erstanden!“ In ihm dürfen wir Hoffnung für die Welt und uns Menschen haben.

Landesbischof Ralf Meister

Der Bibeltext

Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

Mt 28, 1-10