Bild: Norman Klaß

Der Weg des Vertrauens

Tagesthema 01. April 2017

Andacht zum Sonntag Judika

Eine düstere, widerspruchsvolle Geschichte. Sie führt zwar geografisch auf einen Berg, mutet aber zugleich existentielle Abgründe zu.

Ein Gott, der Opfer fordert. Ein Vater, der bereit ist, sein geliebtes Kind zu töten, ja – drastisch gesprochen – zu schlachten. Eine Weggeschichte, deren Auslegungswege und Wirkungsgeschichten in der jüdisch-christlichen Tradition ebenso vielfältig wie tiefgängig sind.

Juden nennen die Geschichte: die "Akeda", die Bindung Isaaks, weil Abraham ihn festband. In jedem Morgengebet und am jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana klingt die Geschichte vom ihrem Ende her an. Gottes Erbarmen öffnet einen Horizont der Hoffnung für den neuen Tag, für das neue Jahr – trotz dunkler Bedrohung. 

Abraham soll seinen Sohn opfern. Kein gewöhnliches Kind, sondern das Kind der Verheißung. Das Faustpfand der Zukunft, die Gott ihm versprochen hat. So wie Gott ihn mit der Verheißung in das Zukunftsland gelockt hat, so ruft er ihn auch jetzt über diese Zukunft hinaus.

Die göttliche Gabe ist kein Besitz. Diese Unterscheidung muss Abraham in der Hingabe lernen. Eine harte Lektion. Sein Sohn gehört nicht ihm, sondern Gott. Ihm weiß sich Abraham zugehörig. Deshalb ist er gehorsam. Ist das ungehörig?

In der christlichen Auslegungsgeschichte wird er damit zum Vater des Glaubens – und zugleich zum Vertreter eines blinden Gehorsams, von dem man sich nur distanzieren kann. Die aktuellen Lesarten bringen die Extreme auf den Punkt.

Auf der einen Seite der Vorläufer eines reformatorischen Rechtfertigungsglaubens, der ganz das Wort vertraut – auf der anderen Seite ein religiöser Überzeugungstäter, der in vermeintlich göttlicher Mission auch Menschenopfer nicht scheut.

So umstritten wie die Figur Abrahams ist auch das Bild Gottes. Anfangs wirkt Gott fordernd, grausam, ja sadistisch. Am Ende barmherzig – im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat sein Herz beim Armen, beim armen Vater und verhindert das Opfer des Sohnes durch das Eingreifen eines himmlischen Boten. Isaak überlebt. Abraham lernt dazu. Gott vielleicht auch?

Zumindest hat er ein Einsehen und durchkreuzt das Vorhaben des gehorsamen Abrahams. So lässt sich im Rückblick der frag-würdigen Weggeschichte eine doppelte Einsicht formulieren: Sowenig, wie Gottes Zusagen zum Besitz werden können, sowenig ist ein blinder Gehorsam gefordert, der an Gottes Barmherzigkeit für das Leben vorbei geht.

Der Weg des Vertrauens wird zum Weg des Lebens, trotz aller Abgründe. Auf welchen Lebenswegen uns diese Einsicht zugemutet wird, bleibt jedoch so geheimnisvoll, wie die Geschichte selbst. 

Pastor Philipp Elhaus, Leitender Referent für Missionarische Dienste, Haus kirchlicher Dienste

Der Bibeltext

Gott sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. (...) Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. (...) Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 

Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.

1. Mose 22,1-13 (in Auszügen)