Bild: Frank Gärtner/ fotolila.com

Gesellschaftliche Signale setzen

Tagesthema 06. März 2017

Landeskirche investiert acht Millionen Euro in Flüchtlingsarbeit

Die hannoversche Landeskirche will in diesem und im kommenden Jahr insgesamt weitere rund 8 Millionen Euro in die Flüchtlingsarbeit in ihren Kirchenkreisen und Gemeinden investieren. Bereits in den vergangenen beiden Jahren hatte die größte evangelische Landeskirche in Deutschland dafür jährlich vier Millionen Euro zur Verfügung gestellt, sagte Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track letzten Donnerstag bei einem Pressegespräch in Hannover. Dies sei auch ein gesellschaftliches Signal in einer Zeit, in der immer mehr von Abschottung, Obergrenzen und Abschiebungen geredet werde.

"Wir müssen jetzt auch gegen populistische Tendenzen klar angehen", sagte Gäfgen-Track. Auch die Kirche erhalte immer wieder Hassmails wegen ihrer Haltung zur Flüchtlingsfrage. Deutschland brauche ein Zuwanderungsgesetz, forderte die Theologin. "Wir haben viel Kraft, wir haben viel wirtschaftliches Potenzial und wir können Menschen hier aufnehmen." Gäfgen-Track betonte zugleich, dass durch die Sondermittel für die Flüchtlingshilfe andere Bereiche der kirchlichen Arbeit nicht schlechter gestellt würden. "Wir machen das zusätzlich." 

Ehrenamtliche fördern

Wie bereits in den beiden Vorjahren fließe ein großer Teil von jährlich insgesamt drei Millionen Euro 2017 und 2018 in die 49 Kirchenkreise zwischen Hann. Münden und Cuxhaven. Diese haben damit bisher unter anderem Stellen für die Flüchtlingssozialarbeit und für Koordinatoren finanziert, die Ehrenamtliche in ihrem Einsatz für Geflüchtete begleiten. 

Auch Projekte der Kirchengemeinden, der Diakonie und der kirchlichen Bildungsarbeit will die Landeskirche mit insgesamt rund 2,6 Millionen Mitgliedern weiter fördern. Dazu gehören nach den Worten des Oberkirchenrates für kirchliche Bildungsarbeit, Kai-Christian Kütemeyer, auch Dialogforen, in denen die Ängste von Menschen zur Sprache kommen sollten.

Gut laufende Projekte seien unter anderem eine Handarbeitswerkstatt in Springe bei Hannover und die Sprachförderung in Eltern-Kind-Gruppen der evangelischen Familienbildungsstätte Stade, berichteten Mitarbeiterinnen. Sie brächten geflüchtete Menschen und Alteingesessene zusammen. In Stade lernten dabei Mütter und ihre Kleinkinder gemeinsam die deutsche Sprache und auch kulturelle Eigenheiten, sagte Astrid Rehahn-Buck von der Bildungsstätte. Auch das Angebot in Springe sei kostenfrei für alle offen, erläuterte die dortige Koordinatorin für Flüchtlingsarbeit, Friederike Hoffmann.

Helfer geraten unter Rechtfertigungsdruck

Neben dem Zusammenwachsen spürten die Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit zugleich einen wachsenden Rechtfertigungsdruck, sagte Hoffmann. Davon ließen sie sich jedoch nicht einschüchtern. "Das hält niemanden davon ab, sich weiter zu engagieren." Auch Sozialneid sei ein großes Thema. So werde etwa gefragt, warum die Geflüchteten eine Wohnungseinrichtung gestellt bekommen - ungeachtet der Tatsache, dass sie ja bei ihrer Flucht kaum Möbel hätten mitbringen können und auch andere Sozialhilfe-Empfänger Unterstützung wie etwa Möbel erhielten.

Die Angebote verschiedener Organisationen in Springe und Pattensen wie etwa eine Handarbeitswerkstatt, ein internationales Café oder eine Fahrradwerkstatt wendeten sich ausdrücklich nicht nur an Flüchtlinge, sondern an alle Interessierte, betonte Hoffmann. Von Geldern, die zum Beispiel die Kirche für die Flüchtlingsarbeit zur Verfügung stelle, profitierten so auch andere. "Aber das bewusstzumachen, ist eine Aufgabe, vor der wie immer wieder stehen." 

Das Wichtigste dabei sei, Projekte und engagierte Menschen zu vernetzen, sagte Hoffmann. So habe sie zum Beispiel Vereine angesprochen, um auf Initiative eines Flüchtlingshelfers einen Schwimmkurs für jugendliche Flüchtlinge zu organisieren. Wenn Menschen sich engagieren wollten, könne sie diese an passende Initiativen vermitteln. Viele Hilfsprojekte habe es bereits vor Beginn ihrer Tätigkeit vor knapp einem Jahr gegeben. "Es wird viel getan, aber nicht immer miteinander geredet."

Karen Miether (epd)

Wir haben viel Kraft, wir haben viel wirtschaftliches Potenzial und wir können Menschen hier aufnehmen.

Oberlandeskirchenrätin Dr. Kerstin Gäfgen-Track

Nachbarschaftsladen Doppelpunkt

Mit dem Nachbarschaftsladen Doppelpunkt in Springe wurde im März 2012 die zentrale Anlaufstelle des Kooperationsprojektes der ev.-luth. Kirchengemeinden St. Andreas und St. Petrus eröffnet. Die Kirchengemeinden möchten mit diesem Angebot Interessierten die Möglichkeit geben, sich ehrenamtlich zu engagieren, Raum für Gespräche miteinander bieten und auf aktuelle Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger reagieren. 

Die Organisatoren tauschen sich mit Anbietern Sozialer Arbeit in Springe und interessierten Bürgerinnen und Bürgern aus, um ein bereits Angebot zu schaffen. Seit November 2015 lädt der Nachbarschaftsladen Doppelpunkt beispielsweise Interessierte dazu ein, gemeinsam Deutsch zu lernen. 

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Zusammen Sprache erleben

"Familien erleben zusammen Sprache" - das ist ein Eltern-Kind-Gruppen-Konzept der Ev. Familienbildungsstätte Kehdingen/Stade e.V., welches sowohl einsprachige als auch mehrsprachige Familien dabei unterstützt, die frühe sprachliche Bildung ihrer Kinder optimal zu begleiten und zu fördern.

Zielgruppe sind Eltern und ihre Kinder im Alter von ein bis drei Jahren. Das Konzept richtet sich gleichermaßen an Familien, die ihre Kinder einsprachig als auch mehrsprachig erziehen.

Ziel der Gruppe ist es, die Kompetenzen der Eltern bezüglich der Sprachförderung ihrer Kinder zu stärken. Besonders Eltern mit Migrationshintergrund und (sozial)benachteiligte Eltern finden hier Unterstützung bei der sprachlichen Förderung ihrer Kinder und können somit die Bildungschancen ihrer Kinder verbessern. Die Gruppe bietet den Eltern Raum für den Austausch von Erfahrungen und dient den Kindern als Vorbereitung auf die Kindertagesstätte.

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