Bild: Hayel Nasr

Flucht-Gedanken

Tagesthema 04. Februar 2017

Andacht zum letzten Sonntag nach Epiphanias

Müde Gesichter mit Staub bedeckt: ein Mädchen und ein Junge kauern in einem Keller. Sie gucken durch ein Loch im zerbombten, bröckelnden Stahlbeton – himmelwärts.

Mit ihren Händen klammern die Kinder sich an die rostigen Stahlstreben – zugleich nach Halt suchend und nach Freiheit, nach Licht und nach Leben.

Zwei Kinder in Syrien, die in ihrem Leben nur den Krieg kennen und Verzweiflung, statt Spielen und Lachen.

Zwei Kinder, die sich einander halten, um nicht ins tiefe Dunkel gezogen zu werden. Mit ihren sehnsuchtsvollen Blicken gen Himmel gerichtet bitten sie  um Frieden und Freiheit.

Als Mose gen Himmel mitten in der Wüste schaut, da bittet er Gott. Er bittet auch um Frieden und Freiheit für sein Volk, das festsitzt in Ägypten, versklavt, ausgenutzt, bald auf der Flucht.

Und Gott zeigt sich im Dornenbusch, der brennt, aber nicht verbrennt. Und Moses hört wofür Gott steht – für die Befreiung aus dem Elend: „Ich habe euer Elend gesehen. Ich habe euer Leiden erkannt. Und damit soll Schluss sein. Ich werde das beenden!“ 

Was für ein Versprechen. Kaum zu glauben.

Für das Volk Israel wurde dieses Versprechen konkret, nahm Gestalt an, wurde fassbar. Raus aus der Sklaverei. Flucht durch die Wüste. Dann: Rettung im gelobten Land.

Wie lautet Gottes Versprechen für die Menschen im 21. Jahrhundert? Wer versklavt uns? Was macht mich unfrei? Was macht mich mutlos, ängstlich? – Die Antwort Gottes: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Für Dich. Das ist Gottes Versprechen, da zu sein.

Es werden Menschen da sein, die einem zur Seite stehen. Die einem helfen. Einem aufhelfen. Gewiss auch mal: den anderen tragen.

So erlebt es gerade Hayel Nasr, der das Bild mit den Kindern gemalt hat. Der 40-Jährige ist syrischer Zeichner, Maler und Grafik-Designer. Nach der Einberufung zum Kriegsdienst verließ er vor 17 Monaten seine Heimat.

Zurück ließ er seine Frau und zwei Kinder, drei und neun Jahre, die sich bis jetzt in einer Kleinstadt in der Nähe von Damaskus befinden. 

Hayel Nasr kommt regelmäßig in unsere Liebfrauenkirche in Neustadt. Hier findet er Menschen, die ihm helfen bei seinen Behördengängen im Asylverfahren. Hier findet er eine Heimat, die auch für seine Kinder eine Heimat sein könnte. Hier betet er für Freiheit, Frieden und Leben. 

Pastor Marcus Buchholz, Liebfrauenkirche, Neustadt

Der Bibeltext

1 Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. 2 Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. 3 Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. 4 Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. 5 Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!

6 Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. 7 Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. 8 Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. 9 Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Drangsal gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, 10 so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

2. Moses 3,1-14