Bild: Andrea Hesse

Ein Taufstein auf Reisen

Tagesthema 30. Januar 2017

Rund um die Leihgabe aus Hülsede entsteht in Wittenberg der „Erlebnisraum Taufe“

Etwa 500 Kilogramm bringt er auf die Waage, hat einen Durchmesser von knapp einem Meter und wird doch mit großer Behutsamkeit behandelt: Der uralte Taufstein aus der St.-Aegidien-Kirche in Hülsede (Samtgemeinde Rodenberg) hat letzte Woche eine achtmonatige Reise nach Wittenberg angetreten. Dort wird er eine wichtige Rolle im „Erlebnisraum Taufe“ spielen, mit dem sich die hannoversche Landeskirche während der „Weltausstellung Reformation“ in der Wittenberger Innenstadt präsentiert. 

„Unser Taufstein ist aus Obernkirchener Sandstein gefertigt und stammt aus dem 13., 14. oder 15. Jahrhundert“, erzählt Eckhardt Arndt, Kirchenführer in der St.-Aigidien-Kirche. Die mit Zement aufgesetzte Taufschale hat ein Fassungsvermögen von mehr als 100 Litern und ist mit wunderschönen gotischen Ornamenten verziert, der Fuß besteht aus massivem Stein. „Seit Jahrhunderten“, so erzählt Arnd, „hat dieser Taufstein seinen Platz unter der Empore am früheren Haupteingang unserer Kirche“ – auch nach dem Abtransport zeigt ein dunkler Fleck auf dem Steinboden den Standort an. 

Mit großer Vorsicht trennten Mitarbeiter eines Steinmetzbetriebes, in dem der Taufstein bereits 1999 restauriert worden war, die Taufschale vom Fuß. Dabei war zunächst noch Muskelkraft gefragt: Behutsam kippten die Handwerker den Stein samt Fuß an, schoben dann Rundhölzer darunter und rollten ihn so, ganz wie im Mittelalter, unter der niedrigen Empore hervor. Dank der Rundhölzer ließ sich auch eine Stufe bewältigen und mithilfe eines Flaschenzuges in einem Stahlgestell konnten Taufschale und Fuß dann auf Paletten gehoben werden. Sicher verzurrt fuhr Steinmetzmeister Meier die wertvolle Fracht anschließend auf sein Firmengelände, wo sie für die Fahrt nach Wittenberg transportsicher verpackt wurde.

„Während unserer Vorüberlegungen für den Erlebnisraum Taufe habe ich mich an den alten Hülseder Taufstein erinnert“, erzählt Oberkirchenrätin Dr. Heike Köhler, im Landeskirchenamt in Hannover verantwortlich für das Wittenberger Projekt. Als Pastorin war sie vor einigen Jahren in der Kirchengemeinde Kathrinhagen-Rolfshagen tätig gewesen, hatte allerdings nie an dem alten Hülseder Taufbecken getauft. Den Taufstein mit seiner beeindruckenden Größe und dem archaischen Erscheinungsbild empfand sie als besonders geeignet für den Erlebnisraum Taufe, nahm daher Kontakt zu Pastor Dieter Meimbresse und zum Kirchenvorstand auf – und bekam eine positive Rückmeldung. Mit einem Gottesdienst verabschiedete die Gemeinde ihren „Dicken“, wie Eckhardt Arndt liebevoll sagt, und dann wurde der auch schon sehnlich in Wittenberg erwartet. 

In dem angemieteten Laden am Stadtgraben, der zum Erlebnisraum Taufe werden soll, fällt mit der Ankunft des Taufsteins der Startschuss für die Inneneinrichtung: „Die Planungen sind fertig, aber erst wenn der Hülseder Taufstein dort aufgestellt ist, bauen wir alles andere um ihn herum“, berichtet Heike Köhler. In Hülsede wird übrigens weiterhin getauft: Seit einigen Jahren schon finden Taufen an einem kleineren Taufbecken im Altarraum statt. Clemens-Christian Stummeyer, Vorsitzender des Kirchenvorstandes, erinnert sich dennoch auch an andere Zeiten: „Meine beiden Töchter wurden an dem alten Taufstein, den wir jetzt auf die Reise geschickt haben, getauft.“

Andrea Hesse

Offener Zugang und Erinnerungen

Eckhardt Arndt erläutert, wie er vor dem Transport das Gewicht von Taufschale und Fuß errechnet hat. Bild: Andrea Hesse

Mit dem Erlebnis-Raum Taufe soll Interessierten ein offener Zugang zur Taufe vermittelt und Getauften die Erinnerung und Vergewisserung ihrer Taufe ermöglicht werden.

Im Vordergrund steht das eigene emotionale Erleben in einer ungewohnten, kontemplativen, die Sinne ansprechenden Umgebung.

Der Wechsel der verwendeten Objekte von digitale Indoeinheiten bis hin zum alten Taufstein macht die Schau spannend und einzigartig und für alle Altersgruppen erlebbar.

Ein wechselndes Team von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen – werden den Erlebnisraum organisatorisch und inhaltlich betreuen. Auch seelsorgerische Gespräche sind möglich.

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