Bild: Jens Schulze

Ein Faible für die Zweifelnden

Tagesthema 23. Januar 2017

Petra Bahr als neue Regionalbischöfin in Hannover eingeführt

Sie spricht in Funk und Fernsehen, schreibt für überregionale Zeitungen und hat eine wöchentliche Kolumne für eine Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". Die evangelische Theologin Petra Bahr (50) hat sich seit vielen Jahren als Beobachterin und Kommentatorin des kirchlichen und politischen Zeitgeschehens bundesweit einen Namen gemacht. "Wer die Kirche im Dorf lassen will, ohne sie in ein Museum zu verwandeln, sollte ihre Türen weit öffnen", sagt sie. 

Jetzt hat Bahr erstmals eine leitende Position in einer deutschen Landeskirche angenommen. Seit Anfang Januar ist sie Landessuperintendentin der hannoverschen Landeskirche im Sprengel Hannover und hat damit die Aufgaben einer Regionalbischöfin. Am Sonntag wurde sie von Landesbischof Ralf Meister eingeführt.

In ihrem neuen Amt will Bahr besonders mit den Zweifelnden ins Gespräch kommen, mit jenen Christen also, die in Distanz zur Kirche leben, sie trotzdem aber als "ihre" Kirche betrachten. "Wir brauchen die Heißblütigen und die Kämpfer, aber ich mochte immer schon die Zögernden und die Lauen, die nicht mehr genau wissen, warum sie in der Kirche sind." Auf deren Fragen will sie eingehen. "Dafür Formen zu entwickeln, ist mir wichtig."

Für den neuen Job hat Bahr ihre Zelte in Berlin abgebrochen, wo sie zehn Jahre lang gelebt und gearbeitet hat: seit 2006 zunächst als Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und dann seit 2014 als Leiterin der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Ihrer künftigen Arbeit mit den 222 Gemeinden in und um Hannover, die zusammen 550.000 Mitglieder haben, sieht die promovierte Theologin mit Freude entgegen. "Es ist einer der vielseitigsten Sprengel, den man sich vorstellen kann."

Ihr neues Arbeitsgebiet vereint die Großstadt Hannover mit weiten ländlichen Gebieten. Um Industriebetriebe und soziale Einrichtungen geht es hier ebenso wie um die Milchpreise oder den Naturschutz. Zudem liegt im Sprengel eine Ideenschmiede der hannoverschen Landeskirche: die Evangelische Akademie Loccum, der Bahr schon länger verbunden ist. Das Amt in Hannover verkürzt auch die Wege innerhalb der Familie. Ihre Eltern leben in Lüneburg, ihr Ehemann Hans Michael Heinig lehrt als Jura-Professor an der Universität Göttingen und leitet das dortige Kirchenrechtliche Institut der EKD.

Schon einmal hat sich Petra Bahr um ein Führungsamt in einer Landeskirche beworben. 2011 unterlag sie jedoch bei der Bischofswahl in Hamburg knapp gegen die Lokalmatadorin Kirsten Fehrs. Heute blickt sie gelassen auf jene Zeit zurück. Mit Kirsten Fehrs sei sie seither befreundet. "Sie ist die Richtige für die Stadt."

An Hannover haben Petra Bahr und ihr Mann die besten Erinnerungen. Beide haben sich 1995 bei einem Seminar in der Leinestadt kennengelernt. "Wir haben einen extrem verliebten Sommer hier verbracht - am Maschsee oder in den Herrenhäuser Gärten." Seit 21 Jahren sind die beiden verheiratet. Sie haben einen neunjährigen Sohn, der jetzt in Hannover in die Schule geht.

Michael Grau (epd)

Zur Person

Petra Bahr wurde im nordrhein-westfälischen Lüdenscheid geboren. Nach einer journalistischen Ausbildung beim WDR studierte sie von 1989 bis 1996 Theologie und Philosophie in Münster, Bochum, Wuppertal und Jerusalem. Nach einer Tätigkeit in einer Unternehmensberatung war Bahr bis 2005 Referentin für Theologie, Recht und Politik an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg. 2006 wurde sie die erste EKD-Kulturbeauftragte, bevor sie 2014 zur Adenauer-Stiftung wechselte. An der Universität Basel promovierte sie über Immanuel Kant, an der Universität Frankfurt am Main lehrte sie Religionsphilosophie und Ethik.

Die Theologin hat mehrere Bücher verfasst. Sie schreibt für überregionale Zeitungen, hat eine wöchentliche Kolumne in der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt" und ist für mehrere Rundfunksender tätig. 

epd

Der Zweifel ist, wenn es gut läuft, der engste Freund der Wahrheitsliebe und die Schwester des Staunens.

Dr. Petra Bahr bei ihrer Einführung als Regionalbischöfin