Bild: Tristan Vankann/ epd-Bild

Stapeln von klein auf

Tagesthema 04. Januar 2017

Bremer Museum zeigt die Entwicklung einer Kulturtechnik und ihre revolutionären Folgen für die Gesellschaft

Jeder Mensch stapelt, einfach jeder. Ungelesene Zeitungen, ordentlich gefaltete Pullover, Suppendosen im Vorratsschrank, Geschirr auf dem Servierwagen. "Das Stapeln ist eine grundlegende Kulturtechnik", sagt die Bremer Kunsthistorikerin Julia Bulk. "Aber niemand denkt darüber nach." Deshalb hat die Chefin des Bremer Wilhelm-Wagenfeld-Hauses aus dem vernachlässigten Phänomen eine Ausstellung gemacht, die es in dieser Form wohl noch nicht gegeben hat. Das Stapeln als Prinzip der Moderne - das das Thema der Schau, zu der rund 100 ganz unterschiedliche Entwürfe gehören.

Es ist kein Zufall, das die Exponate in diesem Museum zu sehen sind. Denn sein Namensgeber, Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld (1900-1990), hat vor knapp 80 Jahren ein stapelbares Geschirr erfunden. Es heißt "Kubus" und ist aus Pressglas hergestellt, das sich wunderbar zur Massenproduktion eignet - und vor allem perfekt in die damals noch recht kleinen Kühlschränke passt. Das Geschirr aus der Werkstatt des Bauhaus-Schülers sei eines der frühesten Beispiele für stapelbares Industriedesign, erläutert Bulk.

Davor gab es nur vereinzelt Versuche, Alltagsobjekte übereinanderzustellen. Erst die technischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts ändern das Verhältnis zwischen Mensch und Objekt. Bulk verdeutlicht: "In einer Gesellschaft, in der Raum, Zeit und Rohstoffe als knappe Ressourcen wahrgenommen werden, entsteht ein prinzipielles Bedürfnis nach platzsparenden und flexiblen Lösungen."

Beispielsweise in den Mehrzweckhallen, die in der Nachkriegszeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Dafür werden Möbel gebraucht, die flexibel einsetzbar sind. Heute gehören Stapelstühle und -hocker etwa von David Rowland und Alvar Aalto zur Grundausstattung vieler Kongresszentren - und haben sich selbst im privaten Haushalt durchgesetzt.

Auch in der Gastronomie sind zunehmend flexible Lösungen gefragt. Gestalter wie Margarete Jahny und Erich Müller entwerfen deshalb robustes Geschirr, das platzsparend gestapelt, oft benutzt und gut gereinigt werden kann. Das Duo entwickelt in der DDR die Serie "Rationell", die zu einem Kassenschlager wird. Sie kommt nicht nur in Hotels und Werkskantinen zum Einsatz, sondern auch auf der Schiene in den "Mitropa"-Speisewagen.

Im Westen setzt Wagenfeld in dieser Hinsicht Maßstäbe. So bekommt er 1954 den prestigeträchtigen Auftrag, für die Deutsche Lufthansa das erste Bordgeschirr zu entwickeln. Das fertige Produkt aus porzellanähnlich glänzendem Melamin ist in der Ausstellung zu sehen. Die elegant abgerundeten Rechteckformen der Teller und Schalen werden von den Fluggästen begeistert aufgenommen und sind Vorbild für weitere Bordgeschirr-Serien.

Die Ausstellung veranschaulicht in Vitrinen und auf Podesten aber auch, was wir täglich wohl mehr oder weniger unbewusst stapeln: Vorratsbehälter in der Küche, Ablagekörbe im Büro, Getränkekisten im Vorratsraum, Geschirr beim Campen, Bauklötze im Kinderzimmer.

Ja, Kinderzimmer. "Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte der Pädagoge Friedrich Fröbel Bausteine aus geometrischen Grundformen, die Kinder stapeln konnten", führt Bulk aus. Fröbel war überzeugt, dass sein "Spielgabensystem" das räumliche Denken schult. Stapeln also von klein auf: "Viele Künstler und Architekten wie Frank Lloyd Wright, Charles Eames und Paul Klee haben sich als Kinder mit den Fröbel-Materialien beschäftigt", sagt Bulk.

Die Schau macht gleichzeitig klar, dass insbesondere die Arbeit durch das Stapeln geradezu revolutionär verändert wurde - hin zu einer einheitlich formatierten Welt. Denn Voraussetzung für das Prinzip sind Standards - bis hin zur Größe eines Papierbogens. Die Erkenntnis dahinter: Nur wenn Dinge in ihren Maßen aufeinander abgestimmt sind, können sie effizient produziert, verteilt und gelagert werden. Bulk meint: "Heute beweist jedes Frachtschiff mit Tausenden gestapelten Containern, dass das Aufeinandersetzen standardisierter Raumeinheiten die Welt verändert hat."

Dieter Sell (epd)

Nachhaltigkeit und Praxiswert

Wilhelm Wagenfeld zählt zu den einflussreichsten Pionieren der modernen Produktgestaltung in Deutschland. Sein Ziel war es, allen Bürgern den Zugang zu einer anspruchsvollen, zeitgemäßen, bezahlbaren Industrieproduktion zu ermöglichen.

Nach 1945 bechäftigte er sich mit den durch den Krieg veränderten Wohn- und Lebensbedingungen seiner Mitmenschen und suchte nach praktischen Lösungen. Neben dem Gebrauchswert und der zurückhaltenden Ästetik seiner Entwicklungen stand vorallem eine große Nachhaltigkeit für ihn im Vordergrund. 

Mehr zur Wilhelm-Wagenfeld-Stiftung

Die Ausstellung

Bild: Tristan Vankann/ epd-Bild

Noch bis zum 17. April können sich Besucher im Wilhelm-Wagenfeld-Haus einen Eindruck davon verschaffen, wie das scheinbar simple Statpeln unsere Kultur verändert hat - in sozialer und ökonomischer Hinsicht.