Bild: Patrice Kunten

Dem King of Glory ganz nah

Tagesthema 13. Dezember 2016

Aufführung des Projektes „Messiah – Alte Geschichte mit neuen Texten“

Der „Messiah“ von Georg Friedrich Händel gehört zu dem, was die christlich-abendländische Kultur prägte und bis heute prägt. Doch welchen Sinn hat die Kunst, wenn sie keinen Bezug zu den Menschen der Gegenwart hat?

Dieser Frage stellte sich ein Musikvermittlungsprojekt vom Northeimer Kreiskantor Benjamin Dippel, das er gemeinsam mit Silke Lindenschmidt von VISION KIRCHENMUSIK leitete und bei dem sich 90 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Corvinianum Northeim ein halbes Jahr lang mit dem Oratorium interdisziplinär auseinandersetzen.

Was bedeutet Händels Geschichte über das Leben und den Tod Jesu für uns und inwiefern berührt seine Musik auch heute noch? Dieser Frage gingen die Teilnehmer des Projektes „Messiah – Alte Geschichte mit neuen Texten“ nach und schufen so zum Teil völlig unerwartete Assoziationen. Eine besondere Form der Auseinandersetzung wagte der Deutschkurs, der auf Grundlage des Messiah-Librettos neue Texte entwickelte. Sie handeln vom Stress im Abitur, von Individualität und von Orientierung im Dunkel.

Im Konzert wurden diese Texte, die in Zusammenarbeit mit Professor Paul Brodowsky von der Universität der Künste Berlin entstanden sind, per Videowand eingestreut in die Musik, die vom vom Schulchor des Gymnasiums Corvinianum zusammen mit der Kurrende und Kantorei St. Sixti gesungen und vom Barockorchester „la feste musicale“ unter der künstlerischen Gesamtleitung von Benjamin Dippel gespielt wurde. Abgerundet wurde alles durch die Solisten Julia Stratiros (Sopran), Alexandra Paulmichl (Alt), Christoph Rosenbaum (Tenor) und Roman Tsotsalas (Bass).

Wenn es Skeptiker gegeben haben sollte, die daran zweifelten, ob das alles zusammenwirken und dem großen Werk gerecht werden kann, so wurden sie an diesem Abend überzeugt. „Messiah“ war gleichermaßen ein Genuss für alle, die Händel verehren, wie auch eine neue und unerwartete Erfahrung mit Kultur und Kunst, die das barocke Oratorium plötzlich ins Hier und Jetzt und in die eigene Erlebniswelt holt. Die Assoziation, dass auch Gott in Christus in diese Welt kam, um uns zu erreichen, liegt nahe und mag gewollt sein, von den Projektinitiatoren und -teilnehmern oder gar von Händel selbst.

„Können wir uns tatsächlich 'anders' nennen?"

„Jeder geht seinen eigenen Weg und alle sind verstreut. Wir wissen nicht, wer neben uns steht, ob es um uns herum regnet oder schneit oder über welchen Stein wir als nächstes stolpern werden“, hieß es in einem der Texte, „Können wir uns tatsächlich 'anders' nennen? In Zeiten der Massen, Massenproduktion, Massenkommunikation, Massenmedien?“ Und wenig später setzte der gewaltige Chor ein und sang: „Lift up your heads, O ye gates; and be ye lift up, ye everlasting doors; and the King of Glory shall come in.“ - „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe.“

Gerade in der St. Sixti-Kirche war an diesem Abend deutlich zu spüren, dass es sich beim „Messiah“ nicht nur um eine alte, sondern eine großartige und erhabene Geschichte handelt und bei den Texten nicht nur um neue, sondern um moderne und intensive, die zusammen ein außergewöhnliches und inspirierendes Musikerlebnis ergaben und die Kraft der Kunst neu erleben ließ.

Christian Dolle

Teaser zum Projekt

Messiah erleben

Textentwicklung auf Grundlage des MESSIAH-Librettos. Bild: Patrice Kunte

Die Arbeitsphasen im Schulchor und den Kunst-, Deutsch-, Religionskursen des 12. Jahrgangs mündeten in zwei besondere Veranstaltungen: Bei einem Einführungsabend am 8. Dezember wurde der „Messiah“ auf ungewöhnliche Weise vorgestellt und interaktiv erlebbar gemacht. Und beim großen Konzert für Chor, Orchester und Solisten, das am vergangenen Sonntag in St. Sixti vor vielen gespannten Zuhörern aufgeführt wurde, fand das Werk durch die Videoperformance, die Schülerinnen und Schüler erarbeitet hatten, eine zeitgenössische Interpretation.

Christian Dolle

VISION KIRCHENMUSIK

VISION KIRCHENMUSIK ist ein bundesweit einzigartiges Modellprojekt, das Musikvermittlung im kirchlichen Bereich initiiert und etabliert. VISION KIRCHENMUSIK möchte besondere Begegnungen mit Kirchenmusik ermöglichen, die Resonanz erzeugen und bestenfalls Initialzündung sind für langfristige Beziehungen. In Zusammenarbeit mit Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern sowie weltlichen Projektpartnern werden Konzepte entwickelt, die Kirchenmusik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen und neue Menschen für Kirchenmusik begeistern.

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